Der östliche Enzkreis und der Naturpark Stromberg-Heuchelberg sind jetzt im August zu einer wichtigen Drehscheibe des internationalen Weißstorchzuges geworden. Entlang von Bach- und Flusstälern sind in diesen Tagen dutzende Weißstörche zu Gast und suchen vor dem Abflug in den Süden nach Nahrung wie Würmern, Heuschrecken und Kleinsäugern. Am Schmiebach bei Lienzingen wurde ein alter Bekannter bei der Mäusejagd entdeckt: Ein aus Frankreich stammender Storch, der 2018 in Ensisheim in der Nähe von Belfort nestjung beringt wurde. Seitdem zeichnen mindestens elf Ringablesungen seinen Lebensweg nach: Unter anderem ist er sechs Mal im Winter in Spanien und einmal in der Schweiz gesichtet worden. Im Sommer wurde er im Südwesten 2020 bei Vaihingen, 2021 in Pleidelsheim und 2022 von mir an der Enz in Vaihingen beobachtet.
Vom Enztal haben sich aktuell die Storchenansammlungen verlagert. Die Vögel nutzen auch andernorts Nahrungsangebote, unter anderem bei Ötisheim, Maulbronn und Ölbronn. Neben abgeernteten Feldern spielen die kleinen, unter Naturschutz stehenden Feuchtgebiete eine bedeutende Rolle. Bei Ötisheim waren in der Bauschlotter Au am Wochenende zig nahrungssuchende Störche auf den Wiesen und am Aalkistensee verbringt ein Teil von ihnen die Nacht. Bei ihren Standortwechseln kann man oft größere Trupps beim Thermikkreisen und im schnellen Segelflug verfolgen.
Das Angebot an Rast- und Ruheplätzen wussten in den letzten Tagen auch durchziehende Senderstörche zu schätzen. Störchin Aria, die wir im Sommer 2024 im Horst am Naturparkzentrum in Zaberfeld mit Ring und Sender versehen hatten, vagabundierte nach einem Winter in Spanien durch Süddeutschland und hat in den letzten Wochen mehrfach ihre alte Heimat tangiert: Knittlingen, Schmie, Bietigheim, Dürrn und jüngst Ötisheim. Inzwischen hat sie sich Artgenossen bei Karlsruhe angeschlossen und wird südwärts erst den Rhein, dann die Rhone entlang südwärts ziehen.
Für eine Stippvisite besuchte Senderstörchin Frieda den Naturpark. Die reiselustige Weltenbummlerin legt Etappen von 70 und mehr Kilometern pro Tag zurück. Dieses Jahr überflog sie von Spanien kommend Andorra, Frankreich, Belgien, die Niederlande und Deutschland. Zuletzt tingelte sie über Magdeburg, Wittenberg, Dessau, Chemnitz, Leipzig und Stendal. Dann ging es über Frankfurt und Bruchsal geradewegs nach Dürrn und Rosswag. Von dort ist sie in nur zwei Tagen über Ettlingen, Colmar, Belfort, Bourg-en-Bresse, Lyon ins Rhonetal geflogen und jetzt am Montag in einer 110 Kilometer-Etappe nach Bezièrs am Mittelmeer. Beide Vögel befinden sich in Gesellschaft weiterer Senderstörche, die uns mit ihren Positionsdaten den Wanderweg unserer Störche anschaulich nachvollziehbar machen. Die jüngsten Beobachtungen unterstreichen, dass unsere Region beim Herbstzug mittlerweile ein beliebtes Stop-over-Gebiet ist. Den Naturschutzgebieten kommt dabei eine wichtige Funktion zu und unterstreicht ihre überregionale Bedeutung. Das europaweite Netzwerk an geschützten Naturräumen ist nicht nur für stationäre Arten unersetzlich, sondern gerade auch für mobile Arten wie Zugvögel.
Im Horst auf dem Mobilfunkmasten im Mühlacker Stadtteil Dürrmenz geht es eher beschaulich zu. Über die Webcam konnte man im Juli und August wochenlang beobachten, wie allabendlich ein Storchenpaar in der späten Dämmerung das Nest aufsuchte und dort übernachtete. Die beiden zeigten oft einen zärtlichen Umgang und pflegten sich gegenseitig mit dem Schabel das Gefieder. Da einer der Störche beringt war, habe ich mehrfach vor Ort die Nummer abgelesen und jedes Mal handelte es sich um „unsere Brutstörchin“, die dieses Jahr drei Junge großgezogen hat. Sie ist gebürtig aus Winden in Rheinland-Pfalz und mit acht Jahren ein erfahrener Vogel. Ich gehe davon aus, dass es sich beim zweiten Storch um den Partner dieses Sommers handelt. Das Paar bleibt offenbar seinem Horst bis zur Abreise treu, behauptet ihn gegen andere Interessenten und wird hoffentlich im nächsten Frühling wieder hier brüten.
Neben den Störchen sind bei uns im Spätsommer und Herbst Millionen Zugvögel weitaus weniger spektakulär unterwegs. Mauersegler, Neuntöter und Teichrohrsänger haben uns bereits verlassen. Ihnen folgen Anfang September die Rauch- und Mehlschwalben sowie viele Singvögel wie Mönchsgrasmücke oder Hausrotschwanz. Diese Durchzügler kann man sogar vor der Haustüre in Garten und Park erleben.