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Storchenreise

von Dr. Stefan Bosch

Seit 2014 brüten Weißstörche auf der Nestplattform des Naturparkzentrums. Erstmals wurden die Jungstörche in diesem Jahr nicht nur beringt, sondern auch mit einem kleinen Telemetriesender versehen. Mit dessen Hilfe, gehen wir mit den Zugvögeln auf die Reise und können zeitnah ihre Wege und auch ihr Schicksal verfolgen.

In einem Tagebuch begleiten wir unsere Jungstörche auf ihrem Weg ins Leben und um die Welt.


Die regelmäßigen und bebilderten Artikel stellt uns Dr. Stefan Bosch zu Verfügung. Er ist u.a. auch der Vogelbeauftragte des Nabu BW. Wir vom Naturpark arbeiten in vielfältiger Weise mit ihm zusammen und freuen uns, ihn als Naturparkbewohner zu haben.


Mit Padlet erstellt

High-tech huckepack

Die kleinen Telemetriesender tragen die Störche huckepack im Rückengefieder. Sie sind leicht und haben etwa die Größe einer halben Zigarettenschachtel. Aus jahrelangen Erfahrungen mit hunderten Störchen weiß man, dass das Gewicht und die Haltebänder die Vögel weder im Alltag noch auf ihrer Reise beeinträchtigen. Meistens ist vom Sender nur eine kleine vorstehende Antenne auf dem Rücken erkennbar. Der Sender ist solarbetrieben und übermittelt per Funk regelmäßig die geografische Position und weitere Daten aus dem Leben der Störche. Besonders spannend sind die Angaben zu ihren Wanderwegen, die wir verfolgen und hier darüber berichten wollen.

 

Findus Mammutreise

Für Schlagzeilen sorgte im Juli der in Dänemark besenderte Storch namens Findus, der in seinem ersten Lebensjahr auf der Ostroute über den Bosporus und das Niltal nach Nordafrika zog, dieses durchquerte und auf der Westroute über Gibraltar wieder nach Europa zurückkehrte. Bei diesem für Weißstörche ungewöhnlichen „Rundflug“ überflog er nicht weniger als 23 Länder!

Solche spannenden Tatsachen aus der Tierwelt wüssten wir ohne Telemetrie nicht und sie zeigen uns, dass Zugvögel wirklich alle Grenzen überwinden und wir durch sie mit anderen Ländern, Kontinenten und Kulturen verbunden sind.

 

Tagebucheintragungen 2025

Beunruhigende Nachrichten aus Spanien: Nachdem im Herbst viele Kraniche an der Vogelgrippe gestorben sind, trifft es nun offenbar die Weißstörche in ihren Überwinterungsgebieten in Spanien. Jüngste Meldungen aus der letzten Woche aus dem Großraum Madrid berichten von einem Massensterben unter Weißstörchen sowie Enten, Möwen und Greifvögeln.

Am Fluss Rio Manzanares, an dem viele Störche aus Südwestdeutschland die Wintermonate verbringen sterben Presseberichten zufolge in diesen Tagen zahlreiche ans Wasser gebundene Vögel. Über 500 Storchenkadaver wurden auf einem Flussabschnitt geborgen, mit vermutlich erheblicher Dunkelziffer. Offiziellen Angaben zufolge sei die hochpathogene Vogelgrippe die Ursache.

Da noch keine Ringfundmeldungen vorliegen bleibt vorerst unklar, ob Störche aus unserer Region betroffen sind. Auszuschließen ist das nicht, denn viele unserer Störche verbringen den Winter in Zentralspanien. Bislang sei ein Vogel anhand des Ringes als baden-württembergischer Storch identifiziert worden. Von manchen Senderstörchen lassen in diesen Tagen die Signale auf eine Erkrankung oder ihren Tod schließen. Unsere Senderstörche Aria und Adele aus Zaberfeld (auf dem Foto links und in der Mitte 2023 im Horst) zeigten dieses Wochenende normales Verhalten, das noch keinen Anlass zur Besorgnis gibt. Zudem hält sich Adele abseits des Ausbruches auf einer Müllkippe südöstlich von Cordoba und Aria bei Marseille in Südfrankreich auf. Diese Regionen scheinen noch nicht von der Vogelgrippe betroffen zu sein. Während des Frühjahrszuges könnte es aber zu einer weiteren Ausbreitung der Influenzaviren kommen.

Die Entwicklungen zeigen, wie unvermittelt Wildvögel mit bestandsgefährdenden Situationen konfrontiert werden können. Noch ist es zu früh, um das Ausmaß zu beurteilen, aber ein Aderlass in unserer Storchenpopulation ist zu befürchten. Im Frühling könnten weniger Störche zurückkehren und weniger Brutplätze besetzt werden als in den Vorjahren. Nach einem Bestandsanstieg in Baden-Württemberg zeigt dieser Winter, wie schnell und unerwartet ein von kritischen Stimmen oft als zu hoch bewerteter Storchenbestand durch Einflüsse wie Krankheitserreger wieder schrumpfen kann. Nur stabile, reproduktionsfähige Populationen sind in der Lage derartige Verluste zu kompensieren und dazu braucht es im Brutgebiet geeignete Nistplätze und Naturräume.

 

Unsere Senderstörche scheinen ihr Winterquartier gefunden zu haben. Störchin Adele ist nicht wie im Vorwinter bis Marokko geflogen, sondern ist seit Oktober in Spanien bei Cordoba hängen geblieben. Und Aria hat Spanien gegen Frankreich getauscht. Letztes Jahr überwinterte sie bei Madrid, dieses Jahr ist sie seit September nahe der Mittelmeerküste zwischen Nimes und Marseille unterwegs.

Nicht alle Störche nehmen eine weite, beschwerliche Reise auf sich. Unsere beiden sind wenigstens noch bis Südeuropa gewandert. Andere bleiben den ganzen Winter in unseren Breiten. Um dem Phänomen dieser „Winterstörche“ weiter auf die Spur zu kommen, sammelt der NABU wieder bis 31. Januar 2026 Beobachtungsmeldungen. Die beiden letzten Meldeaktionen zeigten, dass einige hundert Vögel in Deutschland bleiben, vor allem „Westzieher“ die über Spanien nach Nordafrika fliegen und zu denen auch unsere beiden Senderstörche zählen. In immer milderen Wintern finden Weißstörche bei uns genügend Mäuse, Würmer, Fische und Abfälle auf Mülldeponien.

Von unserem diesjährigen Jungstorch-Trio gibt es keine aktuellen Nachrichten, da sie nur beringt und nicht besendert sind. Nach vorläufigen Hochrechnungen haben dieses Jahr etwa 15 000 Paare in Deutschland gebrütet. Und noch ein aktueller Hinweis: Auch wenn Infektionen mit dem Geflügelpestvirus H5N1 bei Weißstörchen regelmäßig, aber nur sporadisch auftreten, waren von der aktuellen Vogelgrippe-Welle in Deutschland bisher keine Weißstörche betroffen.

Hier können Sie einen Winterstorch melden: https://www.nabu.de/news/2025/11/34105.html

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Beringung von Jungstörchen und die damit verbundenen Nestkontrollen durch Storchenbetreuende sind sinnvoll und hilfreich und lohnen den hohen Aufwand mit Drehleitern und Hebebühnen. Das unterstreicht das Schicksal des Weißstorches mit der Ringnummer AV293. Als im Juni 2017 bei Baden-Baden das Nest kontrolliert wurde, entdeckte man ein nicht seltenes Abfallproblem: Um den linken Fuß des noch nicht flüggen Jungvogels hatte sich eine lange, dicke Kunststoffschnur gewickelt und drohte die Blutversorgung abzuschnüren. Sein Fuß war bereits kalt und kaum mehr durchblutet. Die Folgen dieser fatalen Verstrickung hätte der Jungstorch nicht überlebt. Storchenbetreuer nahmen den Vogel aus dem Nest, ließen ihn tierärztlich versorgen und beringten ihn vor seiner Freilassung.

Seitdem belegen acht Ringablesungen, dass der Storch die Verletzung gut überstanden hat und ein normales Leben führt. Mehrfach wurde er zwischen 2020 und 2024 im Frühling und Sommer im Enzkreis und Nordbaden gesehen. Die jüngsten Sichtungen waren im August 2025 im Naturpark Stromberg-Heuchelberg, wo sich AV293 längere Zeit mit anderen Störchen aufgehalten hat. So konnte er bei der Nahrungssuche in einem Wiesental bei Ölbronn und in einer Übernachtungsgruppe am Naturschutzgebiet Aalkistensee beobachtet werden. Ob der Storch, der inzwischen ein beachtliches Alter von acht Jahren erreicht hat, über den Winter auch schon in Südeuropa oder Nordafrika war bleibt sein Geheimnis. Weißstörche profitieren von der Arbeit der ehrenamtlichen Storchenbetreuerinnen und -betreuer. Ohne sie hätte AV293 keine Chance auf ein normales Storchenleben gehabt.

Plastikabfälle sind ein häufiges Problem in den Horsten und Mägen unserer Störche. Folien führen zu einem Nässestau im Horst, Schnüre zu Strangulationen und gefressene Kleinteile sorgen für ein fatales Sättigungsgefühl und schwere Verdauungsstörungen. Daher ist es auch im Interesse vieler anderer Tierarten und für unsere eigene Gesundheit, die stetig wachsende Plastikflut weltweit zu bremsen, Plastik zu vermeiden und Plastikmüll sachgerecht zu entsorgen.

 

Wenn uns im August die Weißstörche Richtung Süden verlassen, ist es für uns eine Selbstverständlichkeit, dass sie als „Westzieher“ Richtung Südwesteuropa fliegen und in Spanien oder Nordwestafrika überwintern. Allerdings ist dieses Wissen um den Vogelzug noch gar nicht so lange bekannt. Die Grundlage zur Erforschung des Vogelzuges verdanken wir der Idee des dänischen Lehrers Hans Christian Cornelius Mortensen (1856-1921), der im Jahr 1899 erstmals Vögeln kleine Aluminiumringe an den Beinen anbrachte, um Informationen über ihre Zugwege zu erhalten. Nur wenige Jahre später nutzen auch die noch heute bestehenden Vogelwarten auf der Kurischen Nehrung (Rossitten, heute Rybachy) und Helgoland das Verfahren.

Dass Weißstörche in Mitteleuropa auf zwei getrennten Routen in ihre Überwinterungsgebiete fliegen, ist ebenfalls erst seit einem guten Jahrhundert bekannt. Auf der von der damaligen Vogelwarte Rossitten erstellten „Storchenzugkarte“ aus dem Jahr 1921 sind die Brutgebiete und Funde beringter Störche aufgetragen. Die noch wenigen Wiederfunde sind mit einem Kreuz markiert, sie gehen vor allem auf Totfunde zurück. Schon damals war erkennbar, was uns heute die Telemetrie in tagesaktuellen Positionsmeldungen zeigt: Durch Deutschland zieht sich eine Zugscheide, die die im Westen brütenden Störche von den Ostziehern trennt. Letztere wandern über den Bosporus und das Niltal bis Südafrika. Bei unseren Westziehern endet auf der Karte die Strecke in Spanien vor Gibraltar, da damals offenbar noch keine Rückmeldungen aus Nordwestafrika vorlagen. Trotz einiger Ungenauigkeiten war schon vor über einem Jahrhundert der Storchenzug weitgehend entschlüsselt, ganz ohne Digitaltechnik und ohne komfortabel aus der Ferne ablesbaren Beinringe, wie wir sie heute benutzen. Auch wenn uns dank des technischen Fortschritts moderne Verfahren wesentlich ergiebigere Daten vom Vogelzug verschaffen, ist und bleibt die klassische Beringung auch nach 125 Jahren eine bewährte, probate und weiterhin häufig angewandte Methode in der vogelkundlichen Forschung.

Der östliche Enzkreis und der Naturpark Stromberg-Heuchelberg sind jetzt im August zu einer wichtigen Drehscheibe des internationalen Weißstorchzuges geworden. Entlang von Bach- und Flusstälern sind in diesen Tagen dutzende Weißstörche zu Gast und suchen vor dem Abflug in den Süden nach Nahrung wie Würmern, Heuschrecken und Kleinsäugern. Am Schmiebach bei Lienzingen wurde ein alter Bekannter bei der Mäusejagd entdeckt: Ein aus Frankreich stammender Storch, der 2018 in Ensisheim in der Nähe von Belfort nestjung beringt wurde. Seitdem zeichnen mindestens elf Ringablesungen seinen Lebensweg nach: Unter anderem ist er sechs Mal im Winter in Spanien und einmal in der Schweiz gesichtet worden. Im Sommer wurde er im Südwesten 2020 bei Vaihingen, 2021 in Pleidelsheim und 2022 von mir an der Enz in Vaihingen beobachtet.

Vom Enztal haben sich aktuell die Storchenansammlungen verlagert. Die Vögel nutzen auch andernorts Nahrungsangebote, unter anderem bei Ötisheim, Maulbronn und Ölbronn. Neben abgeernteten Feldern spielen die kleinen, unter Naturschutz stehenden Feuchtgebiete eine bedeutende Rolle. Bei Ötisheim waren in der Bauschlotter Au am Wochenende zig nahrungssuchende Störche auf den Wiesen und am Aalkistensee verbringt ein Teil von ihnen die Nacht. Bei ihren Standortwechseln kann man oft größere Trupps beim Thermikkreisen und im schnellen Segelflug verfolgen.

Das Angebot an Rast- und Ruheplätzen wussten in den letzten Tagen auch durchziehende Senderstörche zu schätzen. Störchin Aria, die wir im Sommer 2024 im Horst am Naturparkzentrum in Zaberfeld mit Ring und Sender versehen hatten, vagabundierte nach einem Winter in Spanien durch Süddeutschland und hat in den letzten Wochen mehrfach ihre alte Heimat tangiert: Knittlingen, Schmie, Bietigheim, Dürrn und jüngst Ötisheim. Inzwischen hat sie sich Artgenossen bei Karlsruhe angeschlossen und wird südwärts erst den Rhein, dann die Rhone entlang südwärts ziehen.

Für eine Stippvisite besuchte Senderstörchin Frieda den Naturpark. Die reiselustige Weltenbummlerin legt Etappen von 70 und mehr Kilometern pro Tag zurück. Dieses Jahr überflog sie von Spanien kommend Andorra, Frankreich, Belgien, die Niederlande und Deutschland. Zuletzt tingelte sie über Magdeburg, Wittenberg, Dessau, Chemnitz, Leipzig und Stendal. Dann ging es über Frankfurt und Bruchsal geradewegs nach Dürrn und Rosswag. Von dort ist sie in nur zwei Tagen über Ettlingen, Colmar, Belfort, Bourg-en-Bresse, Lyon ins Rhonetal geflogen und jetzt am Montag in einer 110 Kilometer-Etappe nach Bezièrs am Mittelmeer. Beide Vögel befinden sich in Gesellschaft weiterer Senderstörche, die uns mit ihren Positionsdaten den Wanderweg unserer Störche anschaulich nachvollziehbar machen. Die jüngsten Beobachtungen unterstreichen, dass unsere Region beim Herbstzug mittlerweile ein beliebtes Stop-over-Gebiet ist. Den Naturschutzgebieten kommt dabei eine wichtige Funktion zu und unterstreicht ihre überregionale Bedeutung. Das europaweite Netzwerk an geschützten Naturräumen ist nicht nur für stationäre Arten unersetzlich, sondern gerade auch für mobile Arten wie Zugvögel.

Im Horst auf dem Mobilfunkmasten im Mühlacker Stadtteil Dürrmenz geht es eher beschaulich zu. Über die Webcam konnte man im Juli und August wochenlang beobachten, wie allabendlich ein Storchenpaar in der späten Dämmerung das Nest aufsuchte und dort übernachtete. Die beiden zeigten oft einen zärtlichen Umgang und pflegten sich gegenseitig mit dem Schabel das Gefieder. Da einer der Störche beringt war, habe ich mehrfach vor Ort die Nummer abgelesen und jedes Mal handelte es sich um „unsere Brutstörchin“, die dieses Jahr drei Junge großgezogen hat. Sie ist gebürtig aus Winden in Rheinland-Pfalz und mit acht Jahren ein erfahrener Vogel. Ich gehe davon aus, dass es sich beim zweiten Storch um den Partner dieses Sommers handelt. Das Paar bleibt offenbar seinem Horst bis zur Abreise treu, behauptet ihn gegen andere Interessenten und wird hoffentlich im nächsten Frühling wieder hier brüten.

Neben den Störchen sind bei uns im Spätsommer und Herbst Millionen Zugvögel weitaus weniger spektakulär unterwegs. Mauersegler, Neuntöter und Teichrohrsänger haben uns bereits verlassen. Ihnen folgen Anfang September die Rauch- und Mehlschwalben sowie viele Singvögel wie Mönchsgrasmücke oder Hausrotschwanz. Diese Durchzügler kann man sogar vor der Haustüre in Garten und Park erleben.

Benny, Becky und Balu

… so heißen unsere drei in diesem Jahr am Naturparkzentrum ausgeflogenen Jungstörche. Für diese Namen haben die Besucherinnen und Besuchern des Naturparkzentrums abgestimmt. Inzwischen hat das Trio den Horst verlassen und hält sich zusammen mit anderen Störchen noch zeitweise im näheren Umfeld auf. Vor dem endgültigen Start in den Süden verbringen viele Weißstörche einige Wochen in lockeren Trupps in der näheren und weiteren Umgebung um den Geburtsort. Aus diesem Grund kann man jetzt im Juli und August häufiger Storchengruppen entdecken, die auf frisch gemähten oder gedüngten Wiesen und in feuchten Bach- und Flussauen gemeinsam nach Nahrung suchen. Unter ihnen befinden sich Alt- wie Jungvögel und anhand der Beringungen wissen wir, dass sich im Naturparkgebiet gerne Jungstörche aufhalten, die aus Nordbaden und der Pfalz stammen.

Nach Nordbaden hat es auch unsere Senderstörchin Aria gezogen. Sie hält sich seit Ende Juli zusammen mit anderen besenderten Störchen in der Nähe von Wiesloch auf. Und Adele bleibt Spanien treu: Nach wie vor tingelt sie südlich der Pyrenäen durch Nordspanien und besucht zwischen Lleida und Barcelona Müllkippen, Felder und Flusstäler. Sie hat darauf verzichtet, in ihrem ersten Lebensjahr in ihre Geburtsheimat zurückzukehren.

 

In der Nähe des Horstes am Naturparkzentrum konnte man in den letzten Tagen eigenartige, an ein Wehklagen erinnernde Laute der Jungvögel vernehmen, deren Funktion kurz erklärt werden soll.

Völlig zu Recht wird der Weißstorch auch Klapperstorch genannt, denn seine häufigste Lautäußerung ist ein Instrumentallaut, das Schnabelklappern. Dazu werden der Ober- und Unterschnabel in rascher Folge rhythmisch aufeinandergeschlagen. Bei einer ausgemessenen Klapperstrophe wurde in neun Sekunden 74-mal geklappert! Die Strophen beginnen sehr schnell und verklingen gegen Ende langsamer werdend. Klappern mit in den Rücken gelegtem Kopf gehört bei Störchen zum Handwerk: Brutpartner begrüßen sich so bei Ablösungen am Nest, bei Erregung, bei der Begattung und zur Abwehr fremder Störche. Oft klappern Brutpartner auch gleichzeitig im Duett. Weißstörchen fehlt in den Atemwegen ein für die Stimmbildung und den Gesang notwendiges Körperteil, so dass sie nicht singen können. Neben dem Klappern haben sie lediglich zischende und ächzende Laute im Repertoire, die zur Abwehr oder bei der Paarung zu hören sind.

Eine besondere Lautäußerung ist von den fast flüggen Jungvögeln ziemlich laut und weithin zu hören. Sie können zwar auch schon klappern, aber zum Betteln nach Futter lassen sie gedehnte, miauend, quietschend oder wimmernd klingende Laute hören. Diese eigenartigen Rufe kommen nur in dieser Nestlingsphase vor und sind zu hören, wenn die Jungstörche hungrig sind und betteln, Altvögel sich mit Futter nähern oder Nestgeschwister zum Mitfliegen animiert werden sollen. Nach dem Ausfliegen sind diese Laute nicht mehr zu hören, dann wird nur noch geklappert. In den letzten Tagen sind die Jungstörche bereits auch selbständig und erfolgreich auf Nahrungssuche, zum Beispiel abends am Ufer der Liegewiese, wenn die meisten Badegäste gegangen sind.

Während die diesjährigen Jungstörche im Nest zusehends größer werden und Senderstörchin Adele in Nordspanien verweilt, vagabundiert ihre Schwester Aria durchs Ländle. In den letzten 14 Tagen zog sie in einer spektakulär großen Schleife über Baden-Württemberg.

Am 14. Juni verließ sie nach mehrwöchigem Aufenthalt die Region Bodensee-Oberschwaben und hielt sich einige Tage im Raum Schelklingen, Blaubeuren und Ulm auf. Am 21. Juni flog sie dann von dort an nur einem Tag nordwärts über Bad Boll, Winnenden und das Unterland bis Obergimpern. Dabei streifte Aria beim Überflug mit Lauffen, Leingarten und Bad Rappenau auch kurzzeitig ihre Geburtsheimat. Am nächsten Tag ging es über Bad Rappenau, Neckarelz und Obrigheim nach Oedheim, über das Weinsberger Autobahnkreuz, Ludwigsburg, Esslingen bis Kirchheim unter Teck und wieder ein Stück zurück bis Wernau. Am 23. Juni setzte Aria ihre Reise über Göppingen und Langenau bis in die Nähe von Krumbach südlich von Günzburg fort.

Diese Telemetriedaten zeigen, welch große Strecken Weißstörche in kurzer Zeit zurücklegen können und dass nicht jeder beobachtete Storch ein ortsansässiger sein muss. Wir werden unbemerkt ständig von nichtbrütenden Störchen teils in großer Höhe überflogen. Ob die aktuelle Trockenheit, Nahrungsmangel nach der Wiesenmahd oder jugendliche Neugier der Grund für den ausgedehnten Rundflug waren bleibt ungeklärt. Jedenfalls war das sonnig-warme Sommerwetter günstig zur Ausnutzung der Thermik für ausgedehnte Segelflüge und die Route tangierte häufig Flusstäler wie den Neckar oder Feuchtgebiete wie die Wernauer Baggerseen, wo das Nahrungsangebot vermutlich günstig war. Wie Arias Erkundungstour wohl weitergehen mag?

 

Nachdem in den letzten Wochen immer wieder über drei oder vier Jungvögel im Horst diskutiert und gerätselt wurde, haben wir seit dem 4. Juni Klarheit. Bei der Nestkontrolle mit der mobilen Hebebühne zeigte sich, dass aus der diesjährigen Brut drei Jungstörche groß geworden sind, die nun Anfang Juni das richtige Alter zum Beringen haben. Da in dieser Saison keine Sender zur Verfügung stehen, kam bei unserem Trio die klassische Beringung zum Einsatz. Dazu wurden die drei für kurze Zeit aus dem Nest entnommen und auf der Terrasse des Naturparkzentrums beringt, gewogen und auf ihren Gesundheitszustand untersucht. Zwei Jungstörche stehen mit knapp vier Kilogramm Gewicht gut im Futter, das Nesthäkchen liegt deutlich darunter. Ob es alle drei zum Ausfliegen schaffen werden, bleibt abzuwarten. Bei der Gelegenheit haben wir auch den Horst auf Abfall überprüft, den die Störche immer wieder eintragen. Wir konnten ein Stück Kunststofffolie, Klebeband und anderen Müll entfernen. Solche Abfälle können die Vögel gefährden und Folien bei Starkregen zu Nässestau führen.

Auch wenn die Beringung keine tagesaktuellen Standortdaten von den diesjährigen Störchen liefert, erwarten wir interessante Hinweise ihrem Leben, wenn die Buchstaben-Zahlen-Kombination auf ihren Beinringen abgelesen werden. Wir werden darüber berichten. Von den letztjährigen Senderstörchen halten sich Adele derzeit in Nordspanien bei Huesca und Aria bei Frickingen nördlich des Überlinger Sees auf.

 

Senderstörchin Aria vagabundiert in ihrer alten Heimat umher. In den letzten Tagen führte sie ihr Weg von Südbaden über Rastatt zu uns in ihr Herkunftsgebiet. In wenigen Tagen hat sie auch Teile des Naturparks überflogen: Am 10. Mai war sie bei Bretten, am 11. Mai bei Maulbronn und am 12. Mai im Enztal bei Oberriexingen. Von dort ging es weiter über den Ludwigsburger Favoritepark geradewegs nach Süden zur oberschwäbischen Storchenpopulation bei Bad Saulgau.

Weißstörche, die noch nicht brüten, streifen als ungebundene Jungstörche in ihren ersten Lebensjahren oft weit umher. Das wissen wir von vielen Ringfundmeldungen und nun noch genauer und live dank der Telemetrie. Bei dieser „Tour de Ländle“ lernen sie andere Regionen, geeignete Lebensräume sowie potenzielle Brutplätze und Brutpartner kennen.

Arias Schwester Adele hat in den letzten Tagen das Ebro-Tal verlassen und ist ein bisschen weiter nordwärts gezogen und befindet sich aktuell bei Huesca südlich der Pyrenäen.

 

Unsere beiden Sendestörchinnen haben sich Mitte April auf große Reise Richtung Norden aufgemacht. Aria hat die Müllkippe bei Madrid verlassen und strebt seitdem konsequent Richtung Norden bis südlich von Andorra, dann ostwärts über Lleida (Spanien), Narbonne (Südfrankreich) bis nördlich von Avignon. Von dort über Bourg-en-Bresse, Besancon nach Mulhouse. Und aktuell hält sie sich im Rheintal auf deutscher Seite in der Höhe von Straßburg ab. Auf diesem Weg hat sie am 17. April mit 138 Kilometern die längste Tagesetappe zurückgelegt. Ob sie ihr Weg weiter bis zu uns in den Naturpark führen wird?

Adele hat über den Winter lange Zeit in Marokko verbracht. Allerdings bewegte sie sich dort im Frühjahr bereits langsam nordwärts. Bis 14. April blieb sie bei Larache (Marokko), flog dann bis Tangier an der Straße von Gibraltar, überquerte die Meerenge am 16. April in weniger als vier Stunden und flog am selben Tag noch weiter bis Cordoba (Spanien). Von dort legte sie große Etappen nach Nordspanien zurück und hält sich seit knapp zwei Wochen im fruchtbaren Tal des Ebro-Flusses auf. Die reisefreudige Adele hat Tagesetappen von 66 bis 167 Kilometern geschafft.

Im Horst am Naturparkzentrum wächst inzwischen die nächste Storchengeneration heran. Das Verhalten der Altvögel spricht dafür, dass sie seit einigen Tagen frisch geschlüpfte Jungstörche füttern.

 

Manchmal schreibt das (Storchen-) Leben einfach die besten Geschichten. Passend zu unserem Beitrag über Vogelberingung vom 15. April machte dieser Tage die Geschichte von Storch Bodo in den Medien und Fachkreisen die Runde. In Mügeln im Landkreis Nordsachsen (zwischen Leipzig und Dresden) ist schon lange ein Brutpaar ansässig. Beide Partner waren seit wenigen Tagen angekommen als ein fremder Storch auftauchte, der den Revierbesitzer nach heftigen Kämpfen vertrieben und Nest samt Weibchen übernommen hat.  Der Neue trug einen Ring, der Auskunft über seine Herkunft gab: Er stammt aus Bodman-Ludwigshafen am Bodensee und hat sich nun 600 Kilometer Luftlinie entfernt im Nordosten Deutschlands niedergelassen. Passend zum Schlüpfort wurde er Bodo getauft, das Weibchen auf Mogelina. Beide sind offenbar ein Paar und man hofft, dass der Vater aus dem Ländle nun in Sachsen für Nachwuchs sorgt.

Nur mit Hilfe der Beringung gelingt es, solche außergewöhnlichen Ereignisse aufzudecken. Ohne individuelle Markierung hätte man über die Herkunft des Storches, seine lange Reise und seinen Wechsel des Zugsystems nie erfahren. Unsere Störche erreichen Afrika über Gibraltar, die „Ostzieher“ über den Bosporus und das Niltal. Der Fall ist ein gutes Beispiel wie flexibel Natur sein kann und dass Ausnahmen die Regel bestätigen.

 

Auch wenn wir hier Störche mit Telemetriesendern verfolgen, ist die Beringung nach wie vor die wichtige Standardmethode, um Daten über Vögel und ihr Leben zu gewinnen. Zudem ist sie billiger und einfacher in der Handhabung. Ringdaten liefern nicht nur eindrucksvolle Entfernungs- und Streckenrekorde, sondern wesentlich mehr. Voraussetzung ist allerdings, dass nicht nur beringt, sondern die Buchstaben-Ziffern-Kombination auf den Ringen auch möglichst oft abgelesen und gemeldet wird.

Über Rückmeldungen erhält die Beringungszentrale eine Fülle an Daten zur Lebensweise des Vogels. Jede gemeldete Sichtung ist ein Mosaiksteinchen aus seinem Leben, das unser Bild und unser Verständnis für die Biologie und Ökologie einer Vogelart vervollständigt. Aus Ringfundmeldungen lassen sich Aufenthaltsorte zur Brutzeit und im Winterquartier nachvollziehen, Zugwege und Zugstrategien herausfinden, Paarkonstellationen am Nest dokumentieren und das Geschlecht zuordnen, Bruterfolge messen, Verwandtschaftsbeziehungen über Generationen hinweg erkennen, Todesursachen ermitteln, das Lebensalter eines Vogels und die Altersstruktur einer Population errechnen. Bei manchen Vogelindividuen kann man im Laufe der Zeit sogar ganze Biografien nachvollziehen. Alle diese Daten und Fakten sind für die Wissenschaft wertvoll und für Schutzmaßnahmen unerlässlich.

Die Kunststoffringe für unsere Störche werden speziell hergestellt, mit fortlaufenden Buchstaben-Zahlen-Kombinationen sowie der Adresse einer Beringungszentrale versehen und über dem Fersengelenk des Vogels angebracht. Storchenringe sind so beschriftet, dass sie auch auf Distanz mit einem Spektiv (Fernrohr) mit großer Vergrößerung ablesbar sind, ohne die Vögel zu stören. Ein Ring behindert oder beeinträchtigt den Storch ebenso wenig wie ein Huckepack montierter Sender. Menschen, die Vögel beringen benötigen einen Kurs mit Prüfung und Praktikum, eine behördliche Genehmigung und spezielle Ringe von der Vogelwarte. Im Bild ein beringter Weißstorch, rechts oben ein Storchenring aus Kunststoff und darunter ein Aluminiumring, wie er für kleine Singvögel verwendet wird.

Tipp: Wenn Sie einen beringten Storch „ablesen“ oder einen mit einem kleinen Aluminiumring markierten Singvogel finden, melden Sie die Beobachtung bitte mit Ringnummer, Orts- und Zeitangabe an die für uns in Süddeutschland zuständige Beringungszentrale in Radolfzell (ring@ab.mpg.de), denn jedes Datum zählt!

Dank Beringung und Besenderung gibt es von unseren Störchen einige Neuigkeiten – interessante, erfreuliche und traurige. Derzeit sitzt im Nest auf dem Mobilfunkmasten in Mühlacker-Dürrmenz eine beringte Störchin, die aus Windeln in der Pfalz stammt und im Jahr 2020 im Zaberfelder Nest gebrütet hat. Leider flogen die beiden Jungstörche damals nicht aus, da es zu heftigen Kämpfen um den Horst kam. Dank der Beringung haben wir sogar Einblicke in den Lebenslauf des inzwischen acht Jahre alten Vogels: Außer in Zaberfeld hielt sie sich in den letzten Jahren auch in Tripsdrill und Vaihingen an der Enz auf. Auf dem aktuellen Foto aus Dürrmenz ist die Störchin rechts neben ihrem Brutpartner zu sehen.

Traurige Nachrichten gibt es von der besenderten Störchin Lea aus Cleebronn. Sie kam Anfang Februar in der Nähe der spanischen Stadt Zaragosa durch eine Kollision mit einer Stromleitung zu Tode. Neben Verkehrsunfällen ist der Tod an Strommasten und Stromleitungen eine häufige Todesursache bei jungen Weißstörchen. Während hierzulande Strommasten zumindest teilweise mit technischen Maßnahmen entschärft sind, ist das in Südeuropa und Afrika noch ein verbreitetes Problem. Dennoch kommen auch in Deutschland jährlich ca. 2,8 Millionen Vögel an Stromleitungen zu Tode, vor allem Vogelarten mit großer Flügelspannweite wie Greifvögel, Schwäne, Reiher und eben auch Störche. Leider haben wir mit diesem Unglücksfall einen weiteren Senderstorch aus dem Zabergäu verloren.

Weiterhin auf Sendung sind noch die beiden Senderstörchinnen Adele und Aria, die im letzten Jahr in Zaberfeld geschlüpft sind. Sie machen es wie viele Jungstörche im ersten Lebensjahr: Sie verzichten auf die Rückreise aus dem Winterquartier. Adele ist zwar etwas nach Norden gewandert, hält sich aber immer noch in Marokko auf. Und Aria bleibt ihrer spanischen Müllkippe bei Madrid treu. Sie ist dort in Gesellschaft mit einigen weiteren Senderstörchen aus Süddeutschland.

 

Über den Kontakt zum marokkanischen Tierarzt Dr. Abidi Mustapha sind wir über „unser“ Storchenweibchen Adele bestens informiert. Zum Jahreswechsel gelang es ihm, Adele unter den vielen überwinternden Störchen zu entdecken und zu fotografieren (im Bild rechts mit Ring am Bein).

Inzwischen hat Adele offenbar schon das Reisefieber gepackt. Am 8. Januar hat sie das Feuchtgebiet bei Kenitra verlassen und flog in weniger als vier Stunden etwa 60 Kilometer nordwärts parallel zur Atlantikküste in die landwirtschaftlich geprägte Gegend zwischen El Behara und Oulad Moussa. Dort ist sie seitdem auf den Reis-, Getreide- und Viehfutteräckern unterwegs, die ihr offenbar ausreichend Nahrung bieten. Wir verfolgen weiter, ob es sich bei diesem Nordwärts-Flug um den Beginn des Heimzuges handelt oder ob Adele wie viele andere Störche in ihrem jugendlichen Alter erstmal in Nordafrika und Südeuropa umhertingelt.

Ein solcher „Tingler“ ist Lea aus Cleebronn, die sich nun fast den gesamten Winter in Zentralspanien aufhält und dort südöstlich von Madrid zwischen einer großen Müllkippe und dem Regionalpark del Sureste pendelt. Auf der Müllkippe halten sich viele andere Senderstörche auf, zeitweise auch uns alte Bekannte aus der Pfalz und Nordbaden oder besenderte Heringsmöwen aus den Beneluxstaaten.


Tagebucheintragungen 2024

Wo halten sich unsere Störche im Winter auf? Leider können wir ihnen nicht direkt folgen, aber dank internationaler Kontakte im Netzwerk der Storchenbetreuer uns doch einen Eindruck von ihrem Winteraufenthalt verschaffen. Von den drei in diesem Sommer ausgeflogenen Störchinnen hat es Adele bislang am weitesten geschafft: Sie ist derzeit in Kénitra im Nordwesten Marokkos etwa 2100 Kilometer Luftlinie von Zaberfeld entfernt. In der 400.000 Einwohner-Stadt mündet der Fluss Oued Sebou in den Atlantik. Aus dieser Region bekommen wir zahlreiche Positionsmeldungen auch von anderen Senderstörchen. Zusammen mit den markierten Vögeln halten sich weitere hundert überwinternder Störche unter Palmen auf.

Inzwischen haben wir Kontakt zu dem Tierarzt Dr. Abidi Mustapha, der sich dort vor Ort um den Schutz der Störche kümmert. Er kennt unsere Adele und berichtet, dass er sie ab und an beobachte, es ihr gut ginge und sie regelmäßig im Sumpf- und Moorgebiet Merjat Fouarat im Osten der Stadt übernachtet. Das Gebiet ist nach der Ramsar-Konvention (Übereinkommen zum Schutz von Feuchtgebieten internationaler Bedeutung als Lebensraum für Wasservögel) als überregional bedeutsames Feuchtgebiet eingestuft und geschützt. Auf Anfrage hat er uns freundlicherweise einige Fotos zur Verfügung gestellt, die große Vogelansammlungen in dem Feuchtgebiet am Stadtrand zeigen. Neben den zahlreichen Störchen finden sich dort auch andere Vogelarten wie Reiher, Flamingos und Uferschnepfen zur Nahrungssuche und in der Dämmerung zum Übernachten ein.

Adeles Reise unterstreicht, dass wandernde Tierarten auf der ganzen Welt auf geschützte Gebiete zwingend angewiesen sind. Was in Marokko das Sumpfgebiet sind bei uns die FFH-Mähwiesen und Flussauen für die Störche. Nur wenn beides in ausreichend großer Fläche zur Verfügung steht, können sie hier wie dort leben und überleben.

Mit Adele hat der erste Storch unseres diesjährigen Trios den Kontinent gewechselt, denn am Samstag, 28. September hat Adele die Meerenge von Gibraltar überflogen und nun marokkanischen Boden unter den Füßen.

Am 22. September erreichte der Vogel in Südspanien die Bucht von Gibraltar und hielt sich dort sieben Tage auf. Am 28. September fiel dann der Startschuss: Um 12.15 Uhr flog sie zunächst in einer Stunde etwa 25 Kilometer zur Küste. Um 13.15 Uhr haben wir das letzte Signal aus Spanien und bereits eine Stunde später das erste aus Marokko. Damit hat Adele die Straße von Gibraltar nicht an der schmalsten Stelle mit 35 Kilometern Luftlinie in weniger als 60 Minuten überflogen. Danach ging es gleich weiter an Tanger vorbei und nochmals 60 Kilometer Inlandsflug bis südlich von Larache. Damit hat die Störchin an diesem Tag eine beachtliche Kondition bewiesen. In etwa neun Stunden legte sie über 120 Kilometer Luftlinie zurück. Dabei ist zu bedenken, dass Störche den Segelflug bevorzugen und Meerengen wegen fehlender Thermik im kräftezehrenden Ruderflug überqueren müssen. Dennoch hängte Adele trotz Anreise und Ruderflug nochmals 60 Kilometer dran, um in Afrika weiter südwärts zu gelangen. Dort ist sie in Gesellschaft zahlreicher weiterer Senderstörche aus Südwestdeutschland, die ebenfalls die weite Reise auf sich nehmen und nicht auf spanischen Müllkippen verweilen. Bis heute hat Adele in ihrem jungen Alter von fünf Monaten vier Länder durchreist und über 2100 Kilometer zurückgelegt.

Vermutlich ist Adeles Schwester Aria ebenso reisefreudig. Nach einem sechstägigen Aufenthalt auf dem riesigen Müllplatz südöstlich von Madrid machte sie sich auch am 28. September nach Süden auf und befindet sich nun in der Nähe von Toledo. Dies könnte dafürsprechen, dass sie ebenfalls noch zielstrebig Richtung Afrika weiterwandern will. Keine Informationen haben wir leider von Augusta. Ihr Sender ist gestört und hat seit vier Wochen keine neuen Daten übertragen.

 

Zwei unserer drei Störchinnen sind zielstrebig Richtung Nordafrika unterwegs. Adele machte bis 5. September bei Barcelona Pause und überflog dann in sieben Tagen den Osten Spaniens. Seit gestern, am 12. September befindet sie sich kurz vor Gibraltar und wird voraussichtlich an diesem Wochenende die Meerenge passieren, um in Nordafrika den Winter zu verbringen.

Störchin Aria ist ihr dicht auf den Fersen. Nach einer Pause am Mittelmeer bei Marseille startete sie am 10. September, flog die Mittelmeerküste entlang und befindet sich seit gestern bei Barcelona. Ob sie Adele folgt oder auf einer spanischen Müllkippe überwintert, wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Eine erneute Senderstörung lässt uns bei Augusta im Ungewissen. Die letzte Position war Bad Saulgau, seitdem gibt es von ihr leider keine neuen Informationen. Lea aus Cleebronn hält sich unverändert mit einigen weiteren Senderstörchen in Nordspanien nahe Saragossa auf dem Gelände eines Entsorgungsunternehmens auf.

 

Wichtige Neuigkeiten von unseren drei diesjährigen Storchenweibchen. Zunächst haben die Besucher des Naturparkzentrums in den letzten Wochen bei einer öffentlichen Wahl über die Namen für unsere Störchinnen entschieden: Das Trio hat nun die Namen Adele, Augusta und Aria bekommen. Diese Namen haben wir den einzelnen Störchen zugeordnet und werden sie zukünftig statt der nüchternen Zahlen verwenden.

Unsere bisherige Störchin Nr. 1 hat sich als Weltbummler entpuppt und hat schon bald nach dem Ausfliegen ihrer Heimat Ade gesagt hat, deshalb haben wir sie naheliegenderweise Adele getauft. Adele ist in 12 Tagen vom Rhein-Neckar-Raum über das Rhonetal an die französische Mittelmeerküste, von dort an den östlichen Pyrenäen vorbei in den Norden Spaniens nahe Figueres geflogen, wo sie sich aktuell noch aufhält. Ganz anders dagegen Storch 2, unsere Augusta. Ihr gefällt es offenbar in Oberschwaben und ist sich seit Wochen in der Umgebung von Bad Saulgau anzutreffen.

Für Überraschungen sorgt die dritte Störchin Aria. Wegen Störungen in der Datenübertragung wussten wir zunächst nicht viel vor ihr. Doch nun ist sicher, dass sie am 31. August ebenfalls am Mittelmeer zwischen Marseille und Montpellier eingetroffen ist. Über Tübingen, Ulm, Zürich, Biel flog sie zum Genfer See und von dort in nur zwei Tagen ans Mittelmeer. Sie startete zunächst wie Augusta in östlicher Richtung, ist nun aber in raschem Tempo Adele nach Südwesten gefolgt.

Nicht bei allen Vogelarten erkennt kann man auf den ersten Blick das Geschlecht. Bei vielen Arten sind beide Geschlechter gleich gefärbt und weisen keine typischen Unterschiede auf. Bei anderen wie zum Beispiel bei der Stockente oder der Amsel ist es eindeutig: Die Männchen sind auffallender gefärbt und die Weibchen eher dezent in gedeckten Farben. Auch bei Weißstörchen gibt es keine auffallenden Geschlechtsunterschiede. Allenfalls diskrete Merkmale wie die Körper- oder Schnabelgröße können Hinweise geben, aber das ist nicht immer eindeutig. Nur wenn sich beringte Störche paaren, kann man anhand des Verhaltens der jeweiligen Ringnummer das Geschlecht zuordnen: Das Männchen steht bei der Paarung waghalsig balancierend auf dem Rücken des Weibchens (wie im Bild zu sehen).

Wir müssen nicht auf solche Beobachtungen warten, sondern wissen schon jetzt das Geschlecht des diesjährigen Nachwuchses. Bei der Besenderung Anfang Juni wurde von jedem Storch eine kleine Probe für genetische Untersuchungen genommen und deren Ergebnisse liegen nun vor: Alle drei Zaberfelder Jungstörche sind weiblich. Und sie ziehen mittlerweile deutlich weitere Kreise um den Horst. Die Senderdaten belegen, dass sie in diesen Tagen großräumiger zwischen Neckartal und Stromberg unterwegs sind.

Unsere drei Jungstörche sind kräftig gewachsen, inzwischen flugfähig und ziemlich mobil. Seit dem 7. Juli unternehmen sie täglich Ausflüge in die Umgebung, kehren aber regelmäßig in den Horst am Naturparkzentrum zurück und werden dort auch noch von den Altvögeln gefüttert (im Bild). Die Telemetriesender geben genauen Aufschluss über die Mobilität des Trios. Der Aktivitätsradius der Jungstörche um den Horst beträgt aktuell drei bis fünf Kilometer. Mittlerweile waren sie zu Stippvisiten bei Zaberfeld, Leonbronn, Michelbach, Weiler und häufig auf der Wiesenlandschaft am Riesenbach nördlich des Zentrums unterwegs. Auch wenn das Nest noch der Lebensmittelpunkt darstellt, ist es in diesen Tagen doch öfters verwaist, wenn sich die Störche auf den umliegenden Wiesen und Feldern aufhalten. Aufgrund der Regenfälle dürfte die Nahrungsversorgung diesen Sommer günstig sein. Im August ist mit der Abwanderung der Störche zu rechnen. Dann vergesellschaften sie sich mit zahlreichen anderen Artgenossen in Flusstälern wie der Enz und irgendwann geht es dann auf die ganz große Reise in den Süden.

Dort im Süden, genauer in Spanien, gefällt es Störchin Lea aus Cleebronn offenbar besonders gut. Die im letzten Jahr im Zabergäu geschlüpfte Störchin zog es bis Südspanien und nun hält sie sich seit geraumer Zeit in Nordspanien zwischen Pamplona und Zaragoza auf, wo sie höchstwahrscheinlich auch ihren zweiten Winter verbringen wird, bevor sie wieder in die süddeutschen Brutgebiete zurückkehrt.

Der jüngste Dauerregen hat im Land zu dramatischen Brutausfällen beim Weißstorch geführt. Wegen Nässe und Kälte sind in den Nestern zahlreiche Jungstörche in ihren ersten Lebenswochen ums Leben gekommen. In dieser Phase sind sie besonders anfällig und die Elternvögel konnten sie nicht ausreichend vor den anhaltenden Niederschlägen schützen. Umso erfreulicher ist es, dass drei der vier Zaberfelder Jungstörche nach wie vor gesund und munter im Nest sitzen. Am 4. Juni ist es sogar gelungen noch kurzfristig eine Arbeitsbühne zu organisieren, um den Storchennachwuchs zu beringen und in Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut für Verhaltensbiologie/ Vogelwarte Radolfzell mit Telemetriesendern zu versehen. Zugleich nutzen wir solche Gelegenheiten, den Storchenhorst unter die Lupe zu nehmen. Das Nest war diesmal erfreulich trocken und kaum vermüllt. Von den Störchen eingetragene und verbaute Plastikabfälle sind oft die Ursache für einen Nässestau. Bei den Nestkontrollen muss oft einiger Wohlstandsmüll abgeräumt werden, der die Brut gefährden könnte. Ursprünglich waren vier Jungstörche geschlüpft, doch das Nesthäkchen hat Pfingsten leider nicht überlebt und wurde von den Elternvögel tot aus dem Nest geworfen. Auch das ist und gehört zur Natur.

Bei bestem Wetter konnten wir jetzt mit der Arbeitsbühne zum Nest hochfahren, die drei Jungvögel kurzzeitig aus dem Nest entnehmen, untersuchen, vermessen, mit einem Ring am Bein versehen und die mit einem kleinen Solarmodul betriebenen Telemetriesender huckepack auf ihrem Rücken anbringen. Diese Geräte sind leicht und vergleichbar mit der Belastung eines Menschen durch eine Armbanduhr oder einen Fitnesstracker. Beringung wie Besenderung sind getestete, langjährig und weltweit bewährte, erprobte und behördlich genehmigte Methoden, um unser Wissen über die Störche zu verbessern. Auf diese Weise erhalten wir wertvolle Daten über Alter, Lebenserwartung, Todesursachen, Zugwege, Rastplätze, Überwinterungsstrategien etc. und damit wichtige Informationen für den Arten- und Lebensraumschutz.

Nachdem die drei letztjährigen Senderstörche leider alle zu Tode kamen (was nicht ungewöhnlich ist), hoffen wir für das diesjährige Nachwuchs-Trio auf lange und interessante Storchenleben – und wir können sie hier wieder mit der Storchenreise begleiten!

Herzlicher Dank gilt der Fa. Mehl Mietpark in Eppingen und Landwirt Thomas Schüle aus Zaberfeld, die die Beringung kurzfristig ermöglicht und fachkundig unterstützt haben.

Ende April sind die Jungstörche geschlüpft. Inzwischen sind sie schon so groß, dass sie im Nest stehen und leise mit ihren Schnäbelchen klappern. Dennoch bleibt ihre genaue Zahl unklar. Da der Zaberfelder Horst nicht von oben einsehbar ist, kann man nur die Köpfe zählen, die über den Nestrand ragen. Auf jeden Fall sind es mindestens drei Jungstörche. Einige Beobachtende haben auch noch einen vierten Jungvogel gesichtet. Manchmal gibt es kleine „Nesthäkchen“, die nur bei günstigen Rahmenbedingungen überleben und die Zahl der Nachkommen vergrößern. Klarheit wird die für Ende Mai geplante Beringung geben, bei der wir mit einer Hebebühne zum Nest hochfahren und einen direkten Einblick ins Nest bekommen. Wir werden dazu berichten.

In der Woche vor Pfingsten gab es in Südwestdeutschland vielerorts ergiebigen Starkregen und Hochwasser. In der Nestlingszeit sind solche Wetterereignisse kritisch. Auch diesmal setzte der anhaltende Regen manchen Storchenbruten im Land ein Ende. Wir freuen uns, dass die Zaberfelder Störche die Wetterextreme bisher unbeschadet überstanden haben!

Während Störchin Lea, der einzige aus dem letzten Jahr überlebende Jungstorch aus dem Zabergäu, ihren Aufenthaltsort vom Osten Madrids etwas weiter südwestlich nach Toledo verlagert hat, warten wir am Naturparkzentrum auf die nächste Storchengeneration! Noch deutet das Verhalten der beiden Altvögel nicht auf geschlüpften Nachwuchs hin. Aber in den nächsten Tagen ist mit dem Ende der Brutzeit und dem Schlupf der Storchenküken zu rechnen. In manchen Regionen des Landes ist der Nachwuchs bereits da. Sobald die Schnäbel der hungrigen Jungen zu stopfen sind, endet das eher geruhsame Brüten und der Elternstress beginnt: Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang sind dann die Storcheneltern gefordert, Nahrung zu suchen und zu füttern.

Da man in den Horst am Naturparkzentrum nicht von oben hineinsehen kann, werden wir erst mit einiger Zeitverzögerung erfahren, wie viele Jungvögel dieses Jahr tatsächlich im Nest sitzen: Erst wenn sie die Köpfe über den Nestrand recken, kann man sie zählen. Auf jeden Fall versprechen die nächsten Wochen interessante Beobachtungen am Nest.

Seit wenigen Wochen sind die Störche zurück und haben den Horst am Naturparkzentrum in Besitz genommen. Da beide Vögel nicht beringt sind, kann man über ihre Herkunft nichts aussagen. Während hier das Brutgeschäft mit Nestrenovierung, Horstverteidigung und Paarungen begonnen hat, halten sich immer noch zahlreiche Weißstörche in Spanien auf. Dabei handelt es sich oft um die letztjährigen Jungvögel, unter ihnen ist auch Lea aus Cleebronn. Sie befindet sich immer noch am Rio Manzanares südöstlich von Madrid und scheint nicht nach Norden ziehen wollen. Möglicherweise wird sie entgegen der Prognose vom Februar dort den ganzen Sommer verbringen.

Andere Störche mit Sendern sind noch auf dem Rückweg zu uns. Für die Strecke aus Zentralspanien nach Süddeutschland benötigen sie etwa acht bis vierzehn Tage, die sie meistens ohne größere Rastpausen absolvieren. Oft sind mehrere besenderte Störche zusammen unterwegs, wie man anhand der Trackerdaten sehen kann. Und vermutlich sind noch weitere unmarkierte Störche in ihrer Gesellschaft. Weiterhin keine Spur gibt es vom Zaberfelder Senderstorch Mr. X, der höchstwahrscheinlich in Spanien tödlich verunglückt ist und den wir leider nicht mehr weiterverfolgen können. Aber wir hoffen mit dem neuen Brutpaar (Foto) auf eine erfolgreiche Brutsaison 2024!

Während bereits seit Ende Januar dutzende Weißstörche in ihre süddeutschen Brutgebiete zurückgekehrt sind, bereitet uns unser Zaberfelder Storch Mr. X große Sorgen. Zuletzt hielt er sich regelmäßig in Südspanien zwischen Cordoba und Malaga auf. Seit Mitte Dezember stottert jedoch sein Telemetriesender und übermittelte bis Mitte Januar nur noch selten bruchstückhafte Informationen und diese immer von derselben Position. Seit Mitte Januar herrscht völlige Funkstille. Dies sind Indizien, die nahelegen, dass Mister X vermutlich nicht mehr am Leben ist. Eventuell könnte auch nur die Funkverbindung gestört sein, die bis 22. Dezember 2023 einwandfrei funktionierte. Wir wollen abwarten, ob nur ein Problem der Technik oder Datenkommunikation vorliegt und in der nächsten Zeit doch noch vollständige und aktuelle Positions- und Bewegungsdaten übermittelt werden oder ob sich die traurige Vermutung bestätigt. Wir werden weiter dazu berichten.

Störchin Lea hält sich weiterhin südöstlich von Madrid in Gesellschaft anderer Störche auf, unter anderem von „Wiesenmann“ aus der Pfalz, den wir als Gast im Enztal kennen. Beide werden sich demnächst Richtung Norden aufmachen und wir können mit Hilfe der Telemetrie verfolgen, wohin ihre Reise sie führen wird.


Tagebucheintragungen 2023

Wo sind unsere Naturparkstörche im November? In Spanien. Seit vielen Wochen hält sich Lea in den südöstlichen Außenbezirken von Madrid und Mr. X zwischen Cordoba und Malaga auf. Allzu romantisch darf man sich die Winterquartiere nicht vorstellen. Lea überwintert an einer Mülldeponie und Mr. X in einer landwirtschaftlich intensiv genutzten Landschaft. Dort pendeln sie täglich nur wenige Kilometer umher und suchen manchmal einen Flusslauf oder einen See auf. Mit ihnen sind zahlreiche weitere besenderte Störche in diesen Gebieten anwesend.

Eigentlich sind Weißstörche Langstreckenzieher. Doch seit Jahren zeigen vor allem die „Westzieher“ ein verändertes Zugverhalten: Sie sparen sich den energieaufwändigen Fernflug über Gibraltar nach Nordwestafrika. Sie bleiben auf der Iberischen Halbinsel und mittlerweile zu hunderten auch hier im Land. Trotz Kälte und Schnee überwintern zunehmend Weißstörche in unseren Breiten. Bekannte „Zugverweigerer“ sind der seit Jahren in Oberschwaben überwinternde Storch Pius oder neuerdings Trick in Weil der Stadt (im Bild). Sorgen um Kälte und Hunger sind unberechtigt, denn Störche verlassen uns nicht wegen der Kälte, sondern wegen der Nahrungsknappheit. Doch als Nahrungsopportunisten finden sie im Winterhalbjahr hier wie auch in Spanien genügen Mäuse, Würmer, kleine Fische – und Abfälle.

Als Gründe für die Zugunlust werden der Klimawandel, das Nahrungsangebot, gezielte Fütterung (die grundsätzlich vermieden werden sollte, um keine Abhängigkeiten zu schaffen) und Prägung auf Ansiedlungsprojekte diskutiert. Als Vorteil des neuen Zugverhaltens gilt die frühzeitige Anwesenheit im Brutgebiet, mit der man sich die besten Neststandorte sichern kann.

Um mehr über die „Winterstörche“ zu erfahren, sammelt der NABU zwischen November und Ende Januar Storchensichtungen unter https://NABU-naturgucker.de/weissstorch

 

Plötzlich geht es ganz schnell: In Riesenschritten sind unsere Störche jetzt in Frankreich! Lea, das Cleebronner Storchenweibchen, hat bereits das Mittelmeer erreicht und Mr. X ist noch auf dem Weg dorthin.
Beide Vögel hielten sich Ende Juli auf Feuchtwiesen auf. Lea zunächst für neun Tage im Enztal, dann zwölf Tage im Großraum Bruchsal-Karlsruhe und Mr. X für 19 Tage an der Weschnitz. Dann zog es beide im Rheintal südwärts und Lea legte richtig Tempo vor: Am 10.8. Spöck, 11.8. Rastatt, 12.8. Achern, 13.8. Kehl, 17.8. Herbolzheim. Am selben Tag passierte sie noch die französische Grenze und über Mulhouse, Dole, Valence erreichte sie am 21.8. Béziers am Mittelmeer. Damit war sie von Spöck nach Béziers elf Tage unterwegs. Am 22.8. hält sie sich bei Narbonne auf, in Gesellschaft eines Storches aus Steppach nahe Bamberg. Jeder der beiden etwa drei Monate alten Jungvögel hat bis dato etwa 1000 Kilometer zurückgelegt. Mr. X bevorzugte nach der Weschnitz den Raum Heidelberg- Speyer, den er am 18.8. nach Süden verlassen hat. Am 19.8. startete er in Rheinstetten, war am 20.8. bei Mulhouse und am 21.8. bei Besancon.
Am Verhalten beider Senderstörche bestätigt sich, dass Jungstörche nach dem Ausfliegen sich zunächst in Gesellschaft anderer Artgenossen gerne in ergiebigen Nahrungsgründen in einigen zig Kilometern Umkreis ihrer Geburtsorte aufhalten und dann den Radius erweitern. Um Mitte August packt sie die Zugunruhe und es geht zielstrebig Richtung Südwesten.

 

Nicht ohne Grund habe ich im Eingangstext auch vom Schicksal der Störche geschrieben. Einen unserer Jungvögel hat im Enztal das Schicksal ereilt: Nr. 79 lag am 25. Juli tot unter einem Strommasten am Ortsrand von Mühlhausen. Stromtod ist leider immer noch eine häufige Todesursache vor allem bei Vogelarten mit großen Flügelspannweiten. Obwohl hierzulande viele „Killermasten“ von den Energieversorgern entschärft wurden, sind auch im Enztal immer wieder Verluste zu beklagen.
Somit können wir nun nur noch einen Senderstorch aus Zaberfeld verfolgen. Ich nenne ihn wegen des „X“ in seiner Ringnummer Mr. bzw. Mrs. X (sein Geschlecht wird noch anhand einer Probe genetisch geklärt und danach der Name angepasst). Mr(s). X hält sich nach wie vor mit weiteren Störchen im Naturschutzgebiet Weschnitz-Insel bei Lorsch (Hessen) und Heppenheim auf. Die 200 Hektar große, 2017 renaturierte Grünlandaue ist ein großartiges Schutzgebiet im europaweiten Natura 2000-Netz. Dort rasten oder brüten Brachvögel, Kraniche, Kiebitze, Bekassinen und Waldwasserläufer. Wegen des Betretungsverbotes sieht man sogar auch am Tag äsende Rehe. Ausgeflogene Weißstörche halten sich noch mehrere Wochen mit Artgenossen in der weiteren Umgebung ihrer Geburtsorte auf. Deshalb sind Rastgebiete wie Wässerwiesen und Auen im Jahreszyklus äußerst wichtige Komponenten. Mit ihrem Interesse an der Weschnitz-Insel unterstreichen die Störche die Bedeutung und Notwendigkeit großflächiger, unverbauter und ungestörter Naturflächen – nicht nur für Adebar, sondern auch für andere selten gewordene Vögel, Amphibien, Libellen und Pflanzen.

 

In der zweiten Julihälfte verlassen viele Jungstörche im Land ihren Horst. Dabei gab es verschiedentlich kleine Bruchlandungen in Gärten und auf Balkonen, die jedoch glimpflich verliefen. Auch unsere beiden diesjährigen Störche haben zunächst ihre Aktionsradien in der unmittelbaren Umgebung erweitert und sind inzwischen von der Ehmetsklinge abgezogen.

Der eher zurückhaltend wirkende Storch Nr. 39 war zunächst bei Ochsenbach und am Ortsrand von Leonbronn und kehrte noch regelmäßig zum Horst zurück. Am 23. Juli startete er nach Nordosten und hält sich seitdem an der Weschnitz bei Heppenheim auf. Nr. 79 stattete am 19. Juli Michelbach einen Kurzbesuch ab und flog dann vermutlich zusammen mit anderen Störchen geradewegs ins Enztal nach Vaihingen, wo auf den aktuell gefluteten Wässerwiesen zahlreiche Störche rasten. Vermutlich werden beide Jungstörche dieses Jahr nicht mehr zum Zaberfelder Horst zurückkehren. Auch vom Cleebronner Nest zog es beide Jungvögel ins Enztal. Nr. 68 flog am 15. Juli über Pfaffenhofen und Gündelbach an die Enz, während Nr. 67 am 19. Juli zunächst über Brackenheim westwärts nach Bretten und bei Bruchsal zu den dortigen Wässerwiesen zog, um nach kurzem Aufenthalt wieder zurück ins Enztal zu wechseln.

Etwa zwölf Wochen nach dem Schlüpfen sind die Jungstörche fast so groß wie ihre Eltern und ihre Schnäbel beginnen sich vom kindlichen Schwarz in erwachsenes Rot umzufärben. Die beiden Jungstörche haben dieser Tage/ Mitte Juli mit ersten Ausflügen begonnen. Dazu verlassen sie den Horst und steuern das Dach des Naturparkzentrums oder die umliegenden Wiesen an. Noch ist das Nest ihr Lebensmittelpunkt, zu dem sie regelmäßig zurückkehren, denn hier werden sie weiterhin von den Altvögeln gefüttert. Die Starts und Landungen klappen schon ganz gut, aber die Flugfähigkeiten müssen noch weiter trainiert und optimiert werden.

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