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Naturmomente

von Dr. Stefan Bosch


Wo überwintern Insekten? Können Rehe erröten? Wie lange schläft ein Gartenschläfer? Warum sammeln sich im Herbst hunderte von Marienkäfern an Hauswänden?

 

Die Natur bietet das ganze Jahr hindurch spannende, manchmal lustige, manchmal nachdenklich machende Phänomene für den, der mit offenen Augen im Garten oder in der Landschaft unterwegs ist.

Einer, der ganz genau hinschaut, ist Dr. Stefan Bosch. Der Diefenbacher Mediziner, Naturschützer und Ornithologe ist im NABU engagiert und beschreibt für uns in einer regelmäßigen Serie „Naturmomente“ vor unserer Haustür.


Herbst der braunen Wanzen

 

(November 2022) Quartiersuche steht im Herbst bei vielen Tierarten ganz oben auf der To-Do-Liste. Ein auffälliger Interessent für warme Gebäude ist die Nordamerikanische Kiefernwanze. Die hübsche rotbraune Wanze mit auffällig langen Fühlern ist mit zwei Zentimetern Körperlänge beeindruckend groß und wird oft fälschlicherweise für einen Käfer gehalten. Sie unterscheidet sich von den Käfern durch Duftdrüsen, eine Entwicklung ohne Puppenstadium und einen Saugrüssel, mit dem sie flüssige Nahrung aus Blüten, Trieben und Zapfen aufnimmt. Auffällig sind auch die braunen Flügel, die die Kiefernwanzen zu guten Fliegern mit einem beeindruckenden brummenden Fluggeräusch machen.

Kiefernwanzen legen ihre Eier an Nadelbäumen ab. In warmen Sommern entwickeln sich die Nymphen, die an den Zapfen oder anderen Pflanzen saugen. Neben der namensgebenden Kiefer interessieren sich die Wanzen auch für Fichten, Tannen und Wacholder. Über den Sommer durchlaufen die Tiere fünf Häutungen bis zur ausgewachsenen Wanze, die dann überwintert. Dazu suchen sie Verstecke hinter Baumrinde, in Hohlräumen, Nestern und Gebäuden auf.

Das geballte Auftreten im Herbst in Siedlungen hat mehrere Gründe: In Gärten finden die Wanzen passende Nahrung, als Sonnenanbeter an Hauswänden Wärme und sie sondern ein Sekret ab, von dem Artgenossen zahlreich anlockt werden. Kiefernwanzen sind ungefährlich und verursachen keine Schäden. In der Baumzucht können sie jedoch die Samengewinnung beeinträchtigen. Übrigens verdanken wir es auch dem Weihnachtsbaum, dass Kiefernwanzen Neubürger bei uns sind: Die ursprünglich in Nordamerika westlich der Rocky Mountains zwischen Kanada und Mexiko beheimatete Wanze kam mit Importen von Saatgut, Bauholz und Christbäumen nach Europa und verbreitet sich hier seit 1999 zunehmend.


Weitere Naturmomente 2022

 

(November 2022) Was wäre der Herbst ohne buntes Laub! Einen großen Beitrag dazu leistet der Essigbaum mit seinen Blättern, deren Farbpalette von grün über gelb zu leuchtend orange und rot reicht und die einen Hauch von „Indian summer“ in unsere Landschaften zaubern. Der Vergleich mit der nordamerikanischen Jahreszeit passt, denn der Strauch stammt aus dieser Region. Wegen seinen beliebten Herbstfarben hat man ihn ab 1602 als anspruchsloses und kälteresistentes Ziergehölz nach Europa eingeführt. Da sich Essigbäume über unterirdische Sprossausläufer üppig vermehren, entstehen oft kleine Dickichte. Wegen dieser teils unkontrollierten Vermehrung sind in der Schweiz Zucht und Verkauf dieser Gartenpflanze verboten.

Wegen der filzig behaarten Triebe, die an den Bast eines Hirschgeweihes erinnern, wird der Essigbaum auch Hirschkolben-Sumach (Rhus typhina) genannt. Im Gegensatz zu seinen teils hochgiftigen Sumach-Verwandten verursachen seine Pflanzenteile und der Milchsaft allenfalls Magen-Darm-Verstimmungen. Die Indianer sollen den Essigbaum zur Blutstillung, zum Gerben und Färben verwenden. Der Einsatz als Lebensmittel ist widersprüchlich: Ein kurz in Wasser eingelegter kolbenartiger Fruchtstand ist als Vitamin-C-haltiges Erfrischungsgetränk „Indian lemonade“ bekannt.  Bei uns geht der Name Essigbaum auf die Verwendung als Säuerungsverstärker im Essig zurück.

Essigbäume wachsen als männliche und weibliche Pflanzen und bilden breit gewachsene, drei bis fünf Meter hohe Sträucher mit meist mehreren verzweigten Stämmen. Als Baum erreicht er Höhen von bis zu 12 Metern. Aus Stammverletzungen tritt ein zäher Saft aus, der bei einer chinesischen Art seit Jahrtausenden als Möbellack verwendet wird. In Gärten angepflanzte Zuchtsorten haben im Gegensatz zur Normalform auch geschlitzte Fiederblätter.

 

(November 2022) Nicht alltäglich ist die Begegnung mit einer Schlingnatter. Die zierliche, graubraune Schlange lebt verborgen und bleibt trotz ihrer weiten Verbreitung meistens die „elegante Unbekannte“. Mit 70 Zentimetern ist die auch als Glattnatter bekannte Schlange eher kurz. Sie wird wegen ihrer dunklen Rückenflecken oft für eine Kreuzotter gehalten, ist jedoch ungiftig und völlig harmlos. Zur sicheren Unterscheidung schaut man ihr in die Augen: Schlingnattern haben runde, Kreuzottern senkrecht geschlitzte Pupillen. Schlingnattern ernähren sich von Eidechsen, Blindschleichen und Mäusen, die sie mit den Zähnen packen, mit ihrem Körper umschlingen und ersticken und mit weit geöffnetem Maul verschlingen.

Schlingnattern brauchen wärmende Sonne und kühle Verstecke. Sie bewohnen gerne kleinräumig gegliederte Landschaften, die reich an Strukturen sind: Warme Felsen, Steine und Totholz sowie Verstecke in Gebüschen und Wald. Deshalb sind die wärmeliebenden Schlingnattern typische Bewohner des Strombergs mit seinen Magerrasen und Weinbergen. Von Oktober bis April halten die Nattern Winterruhe in Erdlöchern und Felsspalten. Im April und Mai ist Paarungszeit. Die Weibchen pflanzen sich alle ein bis zwei Jahre fort und bringen im August/ September lebende Jungschlangen zur Welt.

Die ortstreuen Schlingnattern sind durch Lebensraumzerstörung, Flächenverlust und Verinselung der Populationen bedroht. Da Baden-Württemberg ein Schwerpunktvorkommen ist, tragen wir besondere Verantwortung für dieses bundesweit gefährdete Kriechtier. Schlingnattern profitieren von abwechslungsreichen, unverbauten Landschaften, Weinbergen mit Brachen und unverfugten Trockenmauern sowie Randstreifen, Gräben und Böschungen, die nur im Winter gemäht werden. Letztere sind wichtige Rückzugsorte und Ausbreitungskorridore. Schlingnattern wie Kreuzottern sind streng geschützt und dürfen weder gefangen noch aus unbegründeter Angst erschlagen werden. Das Foto entstand am westlichen Stromberg und zeigt die schlanke Schlange in voller Länge beim Überqueren eines Weges, bevor sie wieder in der Vegetation am Wegrand verschwand.

 

 

(Oktober 2022)  Man fühlt sich fast vom Glück verfolgt: An manchen sonnigen Herbsttagen finden sich an Hauswänden, auf Pflanzen oder Geländern Marienkäfer invasionsartig in teilweise großen Schwärmen ein. Im Herbst sind die kleinen Krabbler auf der Suche nach einem geeigneten Winterquartier. Oft legt ein Schwarm auf dem Weg in wärmere Regionen nur eine Wanderpause an der Hauswand ein - oder er sucht hier einen frostfreien Überwinterungsplatz. Beliebte Orte sind Laubhaufen und geschützte Hohlräume wie Mauerritzen, Dachsparren oder Fensterrahmen, in denen sich die Tiere dicht gedrängt einquartieren.

Es lohnt sich genau hinzuschauen: In Europa gibt es 70 Arten in unterschiedlichen Größen, Farben und mit je nach Art zwischen zwei und 24 Punkten. Bekannt und häufig ist der Siebenpunkt-Marienkäfer mit rotem Körper und sieben schwarzen Punkten. Allerdings wird er zunehmend von dem aus Asien stammenden Harlekin- bzw. Asiatischen Marienkäfer verdrängt. Diese sechs Millimeter großen, schwarz gepunkteten Käfer sind sehr variabel gefärbt: Poppig bunt von orange über rot bis nahezu schwarz. Die meisten Exemplare tragen neunzehn schwarze Punkte auf ihren Flügeldecken. Die Harlekin-Käfer werden im gewerbsmäßigen Gartenbau zur Schädlingsbekämpfung eingesetzt und sind dadurch mittlerweile nahezu weltweit verbreitet. In freier Natur vermehren sie sich bestens und vertilgen Blattläuse, Gallmückenlarven und leider auch die Larven anderer Marienkäfer. Zudem tragen sie einen für sie ungefährlichen Pilz, der die heimischen Arten schädigt. Deshalb sind die erst seit 2001 in Europa in freier Natur nachgewiesenen Harlekine inzwischen vielerorts häufiger als die alteingesessenen Arten. Im Weinbau können Asiatische Marienkäfer Probleme verursachen, wenn viele Käfer in den Trauben übernachten und ihre Körpersäfte in den Wein gelangen.

Für den Garten sind unsere Marienkäfer auf jeden Fall Glücksbringer, denn Käfer wie Larven haben einen Riesenappetit auf Blatt- und Schildläuse und Spinnmilben, die sie auf natürliche Weise in Schach halten.

 

(Oktober 2022)  Besorgniserregender denn je ist der Zustand unserer Vogelwelt. Ende September legte die Dachorganisation BirdLife International in Cambridge ihren neuen Bericht vor, demzufolge fast die Hälfte aller Vogelarten weltweit Verluste aufweist. Vögel sind sensible Frühwarnsysteme, die uns auf negative Entwicklungen in Ökosystemen und Lebensräumen hinweisen. Jede achte Vogelart ist laut der jüngsten internationalen Roten Liste aktuell vom Aussterben bedroht. Den 49 Prozent an abnehmenden Vogelarten stehen nur sechs Prozent Zunahmen gegenüber. Als Haupttreiber dieser Entwicklung nennt BirdLife die Klimakrise sowie die schädliche Praxis in der Land- und Forstwirtschaft. So ist in Europa die Zahl der Feldvögel seit 1980 um 57 Prozent zurückgegangen.

In der Anfang Oktober von der Landesanstalt für Umwelt (LUBW) aktualisierten Roten Liste der Brutvögel Baden-Württembergs sieht es nicht besser aus: Von 200 im Land vorkommenden Arten sind 118 in ihrem Bestand gefährdet (59 Prozent). Flussuferläufer, Haselhuhn und Raubwürger sind aus unserer Landschaft jetzt komplett verschwunden. Bei den Arten des Offenlandes hält der starke Abwärtstrend an: Ehemals verbreitete, häufige Arten wie Rebhuhn und Braunkehlchen mussten in die höchste Gefährdungskategorie eingereiht werden.

Dennoch gibt es auch kleine Hoffnungsschimmer: Entschlossenes Handeln kann Arten retten und Natur wiederherstellen. So haben seit 2013 weltweit 726 bedrohte Vogelarten direkt von Schutzmaßnahmen profitiert. Nur eine großflächige Renaturierung und der Schutz von Naturräumen können das katastrophale Artensterben aufhalten und die einmalige biologische Vielfalt erhalten. Dazu braucht es BirdLife zufolge jedoch ambitionierte Ziele, bessere Kontroll- und Umsetzungsmechanismen sowie eine ausreichende Finanzierung.

Im Land konnten Weißstorch und Zaunammer aus der Liste entlassen, Triel, Heidelerche, Halsbandschnäpper und Bluthänfling in weniger gefährdeten Kategorien eingeordnet werden. Neu angesiedelt haben sich Triel und Felsenschwalbe. Allerdings nehmen manche Arten nur deshalb zu, da sie vom Klimawandel profitieren. Die LUBW betont, dass wir in Baden-Württemberg für Alpensegler, Halsbandschnäpper, Purpurreiher und Triel bundesweit Verantwortung tragen, denn diese Arten haben in Deutschland bei uns ihre Hauptbrutgebiete.

 

(Oktober 2022)  Bis zum 27. Oktober wird ein Nachfolger für den Wiedehopf als Vogel des Jahres gesucht. Für 2023 stehen fünf Vorschläge aus den mehr als 300 in Deutschland lebenden Vogelarten zur Wahl. Der Jahresvogel soll ein Botschafter sein, der auf die Gefährdung der Vogelwelt und Möglichkeiten ihres Schutzes hinweist.

Selten und stark gefährdet ist das Braunkehlchen, das eine dramatische Negativkarriere vom Allerweltsvogel der Feldflur zur Rarität hinter sich hat. Im Land ging sein Bestand um über 50 Prozent zurück, da dem Bodenbrüter extensiv genutztes Grünland, Brachflächen und Hochstaudenfluren fehlen. Der Feldsperling hat sich wie der Haussperling dem Menschen angeschlossen und lebt in der Feldflur sowie in Gärten, Parks und an Ortsrändern. Er ist auf wenig versiegelte Siedlungen mit bunten Grünflächen, alten Bäumen und naturnahen Gärten angewiesen, wo es Bruthöhlen sowie Gras- und Kräutersamen als Nahrung gibt. Feldsperlinge stehen wegen deutlicher Rückgänge auf der Vorwarnliste. Der Neuntöter verdankt seiner Vorratshaltung den blutrünstig klingenden Namen: Er spießt Beute auf den Dornen von Gebüschen auf. Ihm machen wie dem Feldsperling der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft sowie die Ausräumung der Landschaft zu schaffen. Fehlende Büsche, Hecken, Viehweiden und Streuobstflächen lassen die Bestände beider Arten schrumpfen.

Teichhühner leben versteckt in ungestörten, grünen Uferbereichen. Die Begradigung von Fließgewässern, Beseitigung von Schilfsäumen, das Ausräumen und „Säubern“ von Gräben und Kleingewässern sowie Störungen durch Freizeitaktivitäten haben europaweit zu beachtlichen Rückgängen geführt. Trotz noch stabiler Bestände in Deutschland steht die schwarze Ralle mit dem roten Stirnschild und grünen Beinen auf der Vorwarnliste.

Der Trauerschnäpper steht für das Trauerspiel um Klimawandel und Insektenmangel. Er bewohnt lichte Laub- und Mischwälder, als Kulturfolger auch Parks, Gärten und Friedhöfe mit altem Baumbestand mit Nisthöhlen. Mancherorts halten sich punktuelle Vorkommen nur noch wegen des Angebotes an Nistkästen. Als Überwinterer im tropischen Afrika hat der Trauerschnäpper zunehmend ein Zeitproblem: Weil der Frühling durch den Klimawandel immer früher beginnt, gehen Trauerschnäpper oft leer aus bei der Suche nach Bruthöhlen. Bundesweit ist er wegen negativer Bestandstrends eine gefährdete Art. Während Trauerschnäpper in Baden-Württemberg und Bayern nur lückige Bestände haben, sind sie nördlich davon flächenhaft verbreitet.

Bis zum 27. Oktober kann die Öffentlichkeit unter www.vogeldesjahres.de abstimmen, welche der fünf Kandidaten „Vogel des Jahres 2023“ werden soll.

 

(September 2022)  Wenn der Sommer im September und Oktober mit warmem Hochdruckwetter endet, spricht man vom Altweibersommer. Dann fallen morgens die taubesetzten Spinnennetze auf und erinnern uns an die ökologische Bedeutung der oft nur als eklig empfundenen Achtbeiner.

Häufige und bekannte Vertreter der Spinnen sind die Gartenkreuzspinne mit ihren großen Radnetzen. Sie ist in Wäldern, an Wegrändern und in Gärten zuhause. Im Herbst zieht es manche Kreuzspinne auch ins Haus. In Gebäuden lebt die knapp zwei Zentimeter große Hausspinne. Hinter Möbeln und in Raumecken findet man ihre Trichternetze. Gespinstteppiche errichtet die Baldachinspinne auf Wiesen. Junge Baldachinspinnen spinnen einen Flugfaden, mit dem sie oft in großer Zahl durch die Luft schweben. Diese an graue Haare erinnernden Fäden sollen für den Begriff Altweibersommer verantwortlich sein.

Für Schlagzeilen sorgte jüngst die aus dem Mittelmeerraum stammende Nosferatu-Spinne, eine wärmeliebende Kräuseljagdspinne, die in und an Gebäuden lebt und einen Verbreitungsschwerpunkt hier im Südwesten in den Regionen Freiburg, Karlsruhe, Mannheim, Heidelberg und Stuttgart hat. Fast 10000 Sichtungen stammen aus dem Land. Mit der Hausspinne gehört sie zu den größten gebäudebewohnenden Spinnenarten. Sie beißt zwar selten aber dann spürbar zu, befreit uns aber als nachtaktiver Jäger von Fliegen und anderen Insekten.

Global sind Spinnen unersetzliche Teile vieler Ökosysteme. Sie beseitigen Schmutz, verbreiten Samen und recyceln organisches Material. Eine aktuelle Studie ergab, dass auf der Welt 20 Billiarden Spinnen leben - eine 20 mit 15 Nullen und einer Biomasse von 12 Megatonnen. Das ist mehr als alle Vögel und Säugetiere zusammen auf die Waage bringen. Ein Großteil der Spinnen lebt in tropischen Savannen und Regenwäldern.

Im Herbst drängen viele Spinnen in unsere Gebäude. Wer die nützlichen Krabbler nicht mag, sollte nicht zum Pantoffel, sondern zu Glas und Postkarte greifen, die Spinne damit einfangen und lebend vor die Türe befördern.

 

(September 2022)  Krokusblüte, wenn die Äpfel reifen? Eine giftige Schönheit fällt derzeit im eher blütenarmen Herbst mit ihren rosa- oder violettfarbenen Blütenkelchen auf, die Herbstzeitlose. Die Staude ist von ihrem Zeitplan, ihrem unterirdischen Wuchs und ihrer Giftigkeit außergewöhnlich. Ihre Blütenform erinnert an Krokusse, sie hat jedoch im Gegensatz zu diesen sechs statt drei Staubblätter. Die Blüten sind oberhalb der Erdoberfläche fünf Zentimeter lang, stammen aber aus einer bis zu 40 Zentimeter langen weißen Blütenröhre, die tief unter der Erde aus der braunen Knolle entspringt.

Herbstzeitlosen blühen oft in großer Zahl von August bis November auf feuchten, nährstoffreichen Standorten auf Wiesen, Streuobstflächen und Böschungen. Im Herbst sieht man von Herbstzeitlosen nur die Blüten. Die grünen, tulpenartigen Blätter erscheinen erst in dem der Blüte folgenden Frühjahr, die eiförmigen Fruchtkapseln im Frühsommer. Die Herbstzeitlose ist eine Gift- und Heilpflanze. Ihr Wirkstoff Colchicin hemmt die Zellteilung und kann schwere, tödlich verlaufende Vergiftungen hervorrufen. In der Medizin wird Colchicin seit alters her und auch heute noch als Medikament gegen Gichtanfälle eingesetzt. Weidetiere meiden die Herbstzeitlosen, deshalb sind Viehweiden oft mit ihren Blüten übersät. Im Heu verfüttert führten Blätter der Herbstzeitlose zu Vergiftungen bei Kühen, Schweinen und Pferden. Bei Menschen kommt es im Frühling durch die Verwechslung der grünen Blätter mit denen des Bärlauchs zu Vergiftungen. Auch wenn die Blüten den höchsten Giftgehalt enthalten, zaubern sie doch nochmals viele bunte Farbtupfer in die herbstliche Landschaft.

 

(September 2022)  „Um Mariä Geburt (8. September) fliegen die Schwalben furt“ sagt eine alte Regel. Die sich jetzt sammelnden Mehl- und Rauchschwalben erinnern uns an den herbstlichen Vogelzug. Natürlich starten nicht alle Schwalben an einem Tag, sondern über den September verteilt. Bereits seit Juli haben sich andere Vogelarten wie Mauersegler, Pirol, Kuckuck oder Gartengrasmücke Richtung Süden aufgemacht. Auch viele Weißstörche sind aktuell bereits im Rhonetal, am Mittelmeer, in Zentralspanien und Nordafrika.

Als Kulturfolger und Gebäudebrüter leben Schwalben in und an unseren Gebäuden. Nach zwei oder drei Bruten brechen sie nun zum Herbstzug auf. Oft sammeln sich dutzende oder hunderte Schwalben schwatzend auf Stromleitungen, Hausdächern oder Baumwipfeln zu großen Gruppen oder kreisen hoch am Himmel zur Nahrungssuche.  Mehl- als auch Rauchschwalben sind Langstreckenzieher mit beeindruckenden Wanderleistungen, obwohl sie nur 20 Gramm wiegen und 30 Zentimeter Spannweite haben. Beide Arten überwintern in den Savannen und tropischen Regenwäldern südlich der Sahara, manche zieht es sogar bis Südafrika. In Nigeria gibt es ein Gebiet, in dem hunderttausende Rauchschwalben den Winter verbringen.

Auf ihrem Zug legen Singvögel durchschnittlich etwa 50 Kilometer pro Tag zurück. Gebirge, Meere und Wüsten sind für sie keine Hindernisse. Zur Orientierung nutzen Zugvögel die Sonne und Gestirne sowie das Erdmagnetfeld. Insektenfressende Vogelarten verlassen uns frühzeitig, um auch im Winterhalbjahr optimal versorgt zu sein. Lange Reisen sind für Zugvögel nicht ohne Risiko. Im Vordergrund stehen widrige Witterung, Nahrungsengpässe und Beutegreifer. Auch direkte Verfolgung spielt eine Rolle, aber wesentlich nachhaltiger negativ wirken sich unsere Lebensweise und Landnutzung aus: Die durch sie bedingten Verluste an Lebensräumen, Insekten und Brutplätzen bringen viele Vogelarten in existenzielle Not. Auch in den nächsten Wochen lohnt es sich auf Zugvögel zu achten, wenn weitere Sing- und Greifvögel bei uns durchziehen. Und nicht nur Vögel gehen auf große Reise: Selbst federleichte Schmetterlinge wie Admiral und Distelfalter fliegen derzeit zielstrebig über die Alpen zurück ans Mittelmeer.

 

(August 2022) Abendliche Grillen- und Heuschreckenkonzerte gehören zum Hochsommer wie der Vogelgesang zum Frühling. Der August ist der ideale Heuschreckenmonat, denn jetzt machen nahezu alle der 80 in Deutschland vorkommenden Arten mit ihrem „Gesang“ auf sich aufmerksam. Im Gezirpe weder zu überhören noch zu übersehen ist das Grüne Heupferd (Tettigonia viridissima), unsere mit bis zu vier Zentimetern Körperlänge größte Heuschreckenart. Heupferde sind meistens grün gefärbt, haben lange, dünne Fühler, lange Beine und eine an ein Pferd erinnernde Kopfform. Die Weibchen sind etwas größer als die Männchen und tragen einen nach hinten ragenden, dolchartigen Legestachel, mit dem Eier am Boden abgelegt werden.

Das „Singen“ der Männchen ist eigentlich ein Stridulieren, indem sie die beiden Vorderflügel aneinander reiben. Dabei entsteht ein schwirrender, leicht zerhackt klingender Dauerton, der bis zu 150 Meter weit zu hören ist. Grüne Heupferde sind Morgenmuffel. Erst am Nachmittag beginnen sie zu singen, halten dann aber bis tief in die Nacht durch. Heupferde können hüpfen, sehr gut klettern und auch kurze Stecken fliegen. Dabei können sie mit einem kleinen Vogel verwechselt werden. Bevorzugte Lebensräume sind trocken und warm, wie Wiesen, Wald- und Wegränder, Obstgärten, Feldern und Gärten. Mitunter verirrt sich ein Heupferd auch in die Wohnung.

Heuschrecken durchlaufen im Gegensatz zu Schmetterlingen eine unvollständige Verwandlung. Deshalb findet man von Mai bis Juli die kleineren Larven in niedriger Vegetation und von Juli bis Oktober „fertige“, große Heupferde, die gerne in Sträucher und Bäume klettern. Heupferde ernähren sich besonders gerne von Blattläusen, aber auch von Käferlarven, Fliegen, anderen kleinen Heuschrecken und pflanzlicher Nahrung.

Vom 5. bis 14. August sind alle Insektenfans aufgerufen beim www.insektensommer.de auf die vielfältige und wichtige Welt der Sechsbeiner zu achten, sie zu zählen und zu melden.

 

 

(August) Wenn wir zu Bett gehen, werden sie aktiv: Fledermäuse, die Schönen der Nacht. Lautlos fliegen sie gewandt in Wäldern, an Gewässern, auf Obstwiesen. Viele Arten sind echte Städter und flattern durch Anlagen, Kleingärten und Friedhöfe. Ab der Dämmerung sind sie mit Ultraschallpeilung auf Insektenjagd, den Tag verschlafen sie je nach Art in Baumhöhlen, Mauerspalten oder auf geräumigen Dachböden und in Kirchtürmen. Da Fledermäuse im Jahreslauf verschiedene Quartiere und abwechslungsreiche Landschaften benötigen, in denen sie jagen und leben können, sind sie durch Nahrungsmangel, Gifte, Lebensraum- und Quartierverluste sowie Lichtverschmutzung gefährdet und deshalb geschützt. Typische Gebäudefledermäuse sind Mausohr, Zwerg-, Breitflügel- und Zweifarbfledermaus. In Wäldern leben Braunes Langohr, Abendsegler und Wasserfledermaus. Beide Gruppen sind darauf angewiesen, dass wir ihnen Bäume mit Höhlen stehen lassen und Quartiere in Gebäuden tolerieren, Einflüge ermöglichen und sie nicht wegsanieren. Jetzt im Hochsommer ziehen dutzende, manchmal hunderte Weibchen in solchen ungestörten Quartieren ihre Jungen groß. Außerdem profitieren Fledermäuse von artenreichen Gärten mit nachtblühenden Stauden. Alle 25 in Deutschland vorkommenden Arten sind keine gefährlichen Blutsauger, sondern harmlose, nützliche Insektenfresser. Mücken, Schnaken, Fliegen, Falter, Käfer und Spinnen stehen auf ihrem Speiseplan. Bis zu 4000 Mücken vertilgt eine Fledermaus pro Nacht.

Im August und September kann es vorkommen, dass vor allem junge Zwergfledermäuse versehentlich in Wohnungen einfliegen und sich tagsüber in Gardinen oder hinter Bildern verstecken. Das ist kein Grund zu Panik! Entdeckt man eine verflogene Fledermaus, sollte man sie nicht anfassen, aber abends die Fenster weit öffnen, um ihr den Ausflug zu ermöglichen. Wer die Flugkünstler der Nacht live erleben und mehr über sie erfahren möchte, kann an einer Veranstaltung zur Internationalen Fledermausnacht „Bat Night“ am 27. und 28. August 2022 teilnehmen (www.nabu.de/termine).

 

(Juli) Um heimische Insekten zu unterstützen, braucht es nicht unbedingt Blühflächen und spezielle Samenmischungen. Die besten Lösungen hat die Natur längst selbst entwickelt: Zum Beispiel den Natternkopf (Echium vulgare), an dessen Blüten nicht weniger als 38 verschiedene Wildbienenarten Pollen und Nektar tanken. Zudem nutzen gerne Schmetterlinge wie Dickkopffalter, Distelfalter, Großer Kohlweißling, Schwalbenschwanz oder Mittlerer Weinschwärmer die Blüten. Das 30 bis 100 Zentimeter hohe, zweijährige Boretschgewächs ist mit Beinwell, Ochsenzunge und Wachsblume verwandt und wächst bevorzugt in Gruppen auf trockenen, kargen Standorten wie Wegrändern, Straßenbanketten, Gleisanlagen, Schuttflächen und Steinbrüchen. Die Borstenhaare am Stängel sind eine Anpassung an die Trockenheit. Die Wurzeln reichen bis zwei Meter Tiefe. Der Natternkopf blüht von Mai bis September. Seine blauen Blüten sind als Knospen zunächst rot, wechseln dann in rosa und haben erst im geöffneten Zustand die typische blaue Farbe. Der Blütenform verdankt die Pflanze ihren Namen: Da die aus der Blüte herausragenden Staubblätter an einen Schlangenkopf erinnern, galt der Natternkopf im Volksglauben als Mittel gegen Schlangenbisse.

Die blauen Blüten werden sehr gerne von Pelz-, Mauer-, Schmal- und Keulhornbienen angeflogen. Will man Wildbienen richtig unterstützen, braucht es neben einem chicken „Insektenhotel“ zwingend auch ausreichend viele Blüten. Für eine der Mauerbienenarten wurde errechnet, dass sie für die Versorgung einer Brutzelle 164 Natternkopf-Blüten besuchen bzw. eine Pflanze zur Hälfte „abarbeiten“ muss, um genügend Pollen für eine ihrer Larven eintragen zu können. Der blütenreiche Natternkopf ist also die ideale blühende Ergänzung zu Insektennisthilfen, der enorm vielen Wildbienen bei der Fortpflanzung nützt und sich zudem oft von selbst ansiedelt. Wo er wächst, sollte man ihn also nicht abmähen, sondern unbedingt stehen lassen - fürs Auge und vor allem für viele fleißige Wildbienen!

 

(Juli) Auf den ersten Blick hält man es für einen Kolibri, das Taubenschwänzchen (Macroglossum stellatarum). Der tagaktive Nachtfalter aus der Familie der Schwärmer ist ein richtiger Flugkünstler. Er beherrscht nicht nur den rasanten Geradeausflug perfekt, sondern auch den Schwebeflug. Wie ein Hubschrauber steht er schwirrend vor Blüten in der Luft, um mit seinem bis zu drei Zentimeter langen Rüssel Nektar aus Blüten zu saugen. Besonders beliebt sind unter anderem Lippenblütler, Sommerflieder, Fingerhut, Natternkopf, Verbenen und Weidenröschen. Systematisch werden in kurzer Zeit viele Blüten nach Nektar abgesucht, denn sein Energiebedarf ist hoch. So schafft das Taubenschwänzchen 100 Blüten pro Minute und tausende pro Tag. Bevorzugte Lebensräume sind Wiesen, Felder, Waldränder, Gärten und Parks. Nicht selten besuchen Taubenschwänzchen aber auch begrünte Balkone, wenn dort z.B. Geranien blühen.

Die Falter sind zwei bis drei Zentimeter lang und ihre braunen Vorder- und die kleineren orangen Hinterflügel haben eine Spannweite von 3,6 bis sechs Zentimetern. Die federartigen Schuppen am Hinterleib dienen der Flugsteuerung. Taubenschwänzchen sind Wanderfalter aus Südeuropa, die bei uns zwischen April und November in mehreren Generationen fliegen. Im Rahmen des Klimawandels überwintert die frostempfindliche Art zunehmend bei uns. Die Wanderleistung ist beachtlich, der kleine Schmetterling legt in 14 Tagen 2000 bis 3000 Kilometer Strecke zurück und erreicht im Sommer Großbritannien, Island und Russland. Die vier bis fünf Zentimeter langen, grünen Raupen leben ausschließlich an Labkräutern und Färberröten. Dem eigentlich unverwechselbaren Taubenschwänzchen sehen allenfalls die kleineren Dickkopffalter sowie Nachtkerzen- und Hummelschwärmern ähnlich. An heißen Sommertagen machen Taubenschwänzchen mittags Siesta und fliegen vor allem morgens und abends.

 

(Juli) Der Name ist Programm: Ein Meer leuchtend hellblauer Blüten säumt derzeit viele Straßen- und Wegränder. Allerdings nur, sofern dort nicht gemäht wurde und man früh genug hinschaut. Denn die Wegwarte (Cichorium intybus) blüht nach einem Zeitplan: Ihre drei bis fünf Zentimeter großen Blütenköpfe öffnen sich nach Sonnenaufgang und schließen sich bereits um die Mittagszeit. Deshalb erscheint sie nachmittags als grüne, vermeintlich blütenlose Pflanze. Wegwarten-Blüten sind hoch attraktiv für Schwebfliegen, Käfer, Tagfalter und mindestens 38 Wildbienenarten. Die verschiedenen Blüten-Öffnungszeiten optimieren die Besuche von potenziellen Bestäubern.

Die krautige, tief wurzelnde Staude wird bis zwei Meter hoch, blüht von Juli bis September und bevorzugt als Pionier- und zudem salzverträgliche Pflanze sonnige Stellen an Wegrainen und Straßenrändern. Im Volksglauben galt die Wegwarte als verwunschene Jungfrau, die am Weg schmachtend auf ihren Liebsten wartet… Die Verbreitung erfolgt über Samen, die vom Regen ausgewaschen und verteilt werden. Im Herbst sind die kleinen Früchte bei Finken und Sperlingen sehr beliebt. Der Blütensaum entlang von Straßen wirkt in der Natur somit als Verbindungslinie, von der Insekten und Vögel profitieren. Früher wurde die Wegwarte als Heil- und Gemüsepflanze verwendet. Aus dem Supermarkt ist uns ihre Verwandtschaft gut bekannt: Endivie, Chicoree oder Radicchio und der aus der Wurzelzichorie geröstete, legendäre Kaffeeersatz „Muckefuck“ sind Kulturformen der blau blühenden Staude am Wegrand.

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