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Weinberge im Wandel: Fachvorträge zeigen Herausforderungen und Chancen für Natur, Weinbau und Region

Ein voll besetzter Vortragssaal, vier renommierte Fachleute aus Wissenschaft und Praxis und ein Thema, das den Nerv vieler Menschen in der Region trifft: Rund 120 Besucherinnen und Besucher kamen am 3. März 2026 in den Saal der Weingärtner Cleebronn & Güglingen, um sich im Rahmen der gemeinsamen Vortragsreihe „Das Miteinander von Biodiversität und Landwirtschaft“ über den tiefgreifenden Strukturwandel im Weinbau zu informieren. Eingeladen hatten der Naturpark Stromberg-Heuchelberg und die vier Landschaftserhaltungsverbände aus Heilbronn, Ludwigsburg, Karlsruhe und dem Enzkreis.
Naturparkvorsitzende Diana Danner betonte in ihrer Begrüßung die besondere Bedeutung des Themas für die Naturparkregion. Der Weinbau prägt seit Jahrhunderten Landschaft, Kultur und Identität. Doch zunehmend liegen Rebhänge brach, Betriebe finden keine Nachfolger, Bewirtschaftung wird schwieriger und ökonomisch riskanter. Gleichzeitig bietet dieser Wandel auch neue Chancen für Natur, Klimaschutz und regionale Zusammenarbeit. Das Motto des Naturparks „Wein. Wald. Wohlfühlen.“ müsse auch im Wandel Bestand behalten.
Vortrag Prof. Dr. Ilona Leyer: im Weinbau: Herausforderungen und Chancen für die Kulturlandschaft und Biodiversität
Prof. Dr. Ilona Leyer von der Hochschule Geisenheim University zeigte, wie stark sich Klimaveränderungen bereits heute im Weinbau bemerkbar machen. Phänologische Stadien verfrühen sich, Wetterextreme nehmen zu. Gleichzeitig gingen durch eine veränderte Bewirtschaftung wertvolle Landschaftsstrukturen verloren – etwa Hecken, Säume, Gräben oder Solitärbäume.
Leyer machte jedoch deutlich, dass Landschaft gestaltbar bleibt. Benjeshecken, Begrünung, Brachen oder Renaturierungen könnten neue Habitate schaffen und zugleich die Wasserrückhaltung verbessern. Besonders wichtig seien parzellen-übergreifende Konzepte, die über Einzelflächen hinausgehen. Viele Fragen zu Finanzierung, Organisation und rechtlichem Rahmen müssten gemeinsam geklärt werden – im Dialog mit Winzern, Kommunen, Naturschutz und Bevölkerung.
Vortrag Dr. Kirsten Kindermann: Wo Biodiversität reift: das verborgene Lebensraumpotenzial unserer Weinberge
Dr. Kirsten Kindermann (ArtenschutzManagement gGmbH) verdeutlichte, wie reich an Arten traditionelle Weinbergslandschaften einst waren. Handarbeit bei der Bodenbearbeitung, Trockenmauern, Lesesteinriegel oder zeitweise brachfallende Flächen boten spezialisierten Tier- und Pflanzenarten wertvollen Lebensraum.
Mit der Aufgabe der Bewirtschaftung gehen jedoch zunehmend Biotope verloren. Kindermann stellte Maßnahmen zum Erhalt dieser Strukturen vor, etwa die Freistellung zugewucherter Mauern oder der gezielte Einsatz von Beweidung. Dies könne Artenvielfalt erhalten und gleichzeitig das Landschaftsbild stabilisieren.
Vortrag Zukunftsstiftung Remstal: Neue Organisation für die Nachnutzung von Brachflächen
Dr. Manfred Siglinger präsentierte die neu gegründete Zukunftsstiftung Remstal – ein Modell, das auch im Naturpark großes Interesse geweckt hat. Die Stiftung übernimmt brachgefallene Reb- und Streuobstflächen, entwickelt neue Nutzungskonzepte und setzt diese praktisch um: von Beweidung über Wasserretention und Klimaanpassung bis hin zu Sonderkulturen oder Energieerzeugung.
Der Hintergrund: Sinkende Nachfrage, wirtschaftlicher Druck und demografische Veränderungen führen zu verwildernden Flächen, steigendem Pilzdruck und einem zunehmend ungepflegten Landschaftsbild. Die Stiftung vernetzt Eigentümer, Kommunen, Wissenschaft und Ehrenamt und organisiert Rodung, Pflege und Bewirtschaftung. Der Referent betonte, dass dieser Wandel auch eine historische Chance sei: Erstmals seit dem 17. Jahrhundert würden im Remstal freie Flächen in größerer Zahl verfügbar. Im Rahmen der Stiftung könne Natur profitieren, Winzerflächen optimiert und regionale Wertschöpfung gestärkt werden. 
Vortrag Martin Linser: Weinbau 4.0 – Mit neuen Technologien die Innovationskraft im Weinbau stärken
Martin Linser, Leiter des Kompetenzzentrums Weinbau 4.0 in Emmendingen, stellte neue Technologien vor, die Winzerbetriebe in Zeiten von Strukturwandel, steigendem Kostendruck und Klimaveränderungen entlasten sollen.
Besonderes Interesse weckte der Ansatz der Viti-Photovoltaik, bei der Weinbau und PV-Anlagen auf derselben Fläche kombiniert werden. Vorteile sind u.a. eine Doppelernte, Schutz der Reben vor Extremwetter, mögliche Einsparungen beim Pflanzenschutz und eine verzögerte Reife – jedoch verbunden mit hohen Baukosten und Auswirkungen auf das Landschaftsbild.
Weitere Beispiele waren Drohnen für Steillagen, die Arbeitssicherheit erhöhen und Pflanzenschutz optimieren, sowie Automatisierungsprojekte, deren praktische Umsetzung jedoch noch vor technischen und rechtlichen Hürden steht.
Die hohe Nachfrage – 120 Anmeldungen, alle Plätze vergeben – zeigte die Relevanz des Themas für Winzer, Naturschützer, Kommunen und die Bevölkerung. Viele Teilnehmende nutzten die Gelegenheit für Austausch und Diskussion.
Naturparkgeschäftsführer Dietmar Gretter zog ein positives Fazit: Der Abend habe gezeigt, dass Weinbau, Natur und regionale Entwicklung im Wandel gemeinsam gedacht werden müssten. Der Naturpark werde die Diskussion fortführen und die gewonnenen Impulse in seine Arbeit einfließen lassen.
 

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